St. Pauli-Fan Sebastian: „Die Umgehung der 50+1-Regel finde ich problematisch“


Hannover – Am Samstag kommt der FC St. Pauli ins Niedersachsenstadion. 7.000 bis 8.000 Fans aus Hamburg werden in Hannover sein. Mit Sebastian bringt uns ein Fan den Kiezklub etwas näher.

Fans des FC St. Pauli in Aktion. Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images.

Fans des FC St. Pauli in Aktion. Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images.

Lieber Sebastian, vielen Dank für deine Zeit. Erzähl uns doch ein wenig von dir. Zumindest, den paar, die dich nicht kennen.

Ich bin Sebastian, im Internet meist als @Curi0us unterwegs. Habe früher mal regelmäßiger gebloggt und bin seit gut drei Jahren Teil des Teams, das den FC St. Pauli-„Fan-Podcast“ MillernTon produziert. Im „richtigen Leben“ bin ich sonst Werbewirkungsforscher. St. Pauli-Fan bin ich seit den frühen Neunzigern. Gründe dafür gibt es viele. Aber im Wesentlichen bin ich einfach immer wieder davon begeistert, wie viel im und um den Verein passiert, ob politisch, künstlerisch oder mit Bezug zum Sport.

Fünf Punkte nach sieben Spielen, nur Platz 15. Wie groß ist der Druck an Millerntor?

Der Druck wächst. Auch der Stress wird nach der letzten entspannten Saison größer. Aber ich glaube im Vergleich zu anderen Vereinen, ist der Druck bei uns noch relativ moderat. Trotzdem wird es von Spiel zu Spiel natürlich wichtiger zu gewinnen, um sich von unten möglichst abzusetzen. Nach dem Hannover-Spiel haben wir dann aber auch in acht Spielen gegen Braunschweig, den VfB, Union und Hannover gespielt. Vier der fünf Top-Teams bisher. Vielleicht wird die zweite Hälfte der Hinrunde also auch „leichter“. Dennoch müssen wir natürlich besser punkten, und es wäre gut, damit schnell anzufangen.

Spielerisch könnt ihr immer mithalten. Gegen Union habt ihr euch zwei vermeidbare Konter gefangen. Was ist bei euch in der Abwehr los?

Gute Frage. Gegen Union gab es zwei individuelle Fehler, die zu den beiden Gegentoren führten. Gerade das 2:0 passiert eigentlich nicht. Insgesamt scheint die Abwehr (noch?) nicht in der Form der letzten Saison zu sein. Fast alle Gegentore bisher fielen für mich nach vermeidbaren Fehlern. Dabei spielt das defensive Mittelfeld sicher auch eine Rolle. So hätte man beim ersten Tor von Union den Angriff auch früher unterbinden können.

Ewald Lienen galt hier in Hannover als Verfechter des Defensivfußballs. Wie sehr wurmt ihn die hohe Anzahl an Gegentoren?

Nach dem letzte Saison unsere Defensive der Garant für das erfolgreiche Abschneiden war, wurde im Sommer versucht, den Fokus stärker auf die Offensive zu setzen. Im Prinzip ist das eine Entwicklung, die bereits seit vier Zweitligajahren zu beobachten ist. Wenn wir uns defensiv orientierten, war das meist recht okay. Aber sobald wir versuchen, stärker in die Offensive zu denken, spielerischer zu agieren und eher auch in Richtung Ballbesitzfußball zu denken, geht es nach hinten los. Die Balance zu finden scheint hier sehr schwer. Das ist allerdings auch was, das mir bei den meisten Zweitligisten auffällt. Von daher glaube ich, dass es zum Teil einkalkuliert war. Weil Veränderungen immer auch zunächst mal mit Herausforderungen einhergehen. Ich bin mir aber sehr sicher, dass die Menge und Art der Tore Lienen schon gewaltig ankäst. Zumal – nochmal zum Union-Spiel – sowas wie „sehr unglücklicher Fehlpass vor dem Strafraum“ eben auch kein Systemproblem ist, und Du da als Trainer dann auch kaum was machen kannst.

Geht es in dieser Saison vielleicht sogar wieder gegen den Abstieg?

Bisher orientieren wir uns klar am unteren Rand. Ich glaube aber eigentlich an die individuellen Qualitäten im Kader und hoffe darauf, dass wir in nächster Zeit wieder in die Spur finden.

Mit Sebastian Maier steht ein letztjähriger Pauli-Spieler jetzt bei 96 im Kader. Nach gutem Start, findet er sich jetzt auf der Bank wieder. Was fehlt ihm noch?

Stabilität. Ich fand Maier schon bei uns in seinen Leistungen sehr wechselhaft. Mal konnte er das Spiel an sich reißen und lenken, oft lief er aber einfach auch „nur mit“.

Mit Philipp Tschauner, Christian Bönig, Timo Rosenberg und jetzt auch Fabio Morena sind bei, oder um die 96-Profis herum viele ehemalige Braun-Weiße. Tretet ihr am Samstag auch gegen die eigene Vergangenheit an?

Gegen Ex-Spieler tritt man heutzutage ja in nahezu jedem Spiel an. Das würde ich erstmal nicht weiter in den Vordergrund stellen. Es finden sich bei 96 derzeit natürlich recht viele Ex-St. Paulianer. Ich denke aber, außer einiger persönlicher Kontakte spielt das auf dem Platz keine Rolle.

Wie beurteilst du Hannover 96 aus der Ferne?

Das Präsidium inklusive der „Investoren“ und den dazugehörigen Themenkomplexen inzwischen äußerst kritisch. Die Umgehung der 50+1-Regel finde ich persönlich extrem problematisch. Die letzten zwei Saisons waren sportlich eine kontinuierliche Abwärtsspirale, so dass der Abstieg dann auch erwartbar war. Die Personalie Schmadtke scheint dafür zumindest ein, wenn nicht der Hauptgrund zu sein. Der neue Trainer macht bisher einen guten Job, ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

 Reicht die Qualität für den direkten Wiederaufstieg?

Ich glaube ja. In der zweiten Liga entscheiden allerdings wohl noch mehr psychische Komponenten über den Saisonerfolg, als in der Bundesliga. Ein Positivlauf kann sich verselbstständigen, ein Negativlauf auch. Auch bei Hannover wird glaube ich noch nach der Balance zwischen Offensive und Defensive gesucht.

Was erwartest du für ein Spiel in Hannover?

Zwei Mannschaften, die zunächst versuchen werden, den Ball vom eigenen Strafraum fernzuhalten. Keinen hochklassigen Fußball. Ich glaube, St. Pauli wird sich besonders für „die Null muss stehen“ einsetzen. Hannover wird da wohl nicht ins offene Messer rennen wollen.

Und zum Schluss: Dein Tipp, bitte

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Ich danke dir für das sehr angenehme Gespräch

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