Geduld ist auf Schalke ein Fremdwort – Über Rumpelstilzchendeals, Abstieg und hingehaltene Mikros


Im Gästeinterview mit Schalke-Fan Daniel geht es um Spiel Eins nach dem sicheren Abstieg von Hannover 96. Ferner berichtet von Problemen mit Clemens Tönnies und hingehaltene Mikrofonen – ein Problem das uns in Hannover keineswegs fremd ist.

Daniel, vielen Dank für deine Zeit. Am Samstag treffen unsere beiden Teams aufeinander. Stell dich doch den Lesern einmal kurz vor. Seit wann bist du Schalke-Fan und wie konnte das passieren?

Ich bin 39 Jahre alt und wohne mit meiner Lebensgefährtin und unserem Sohn in Neuss. Schalke-Fan bin ich solange ich denken kann. Zu verdanken habe ich das meinem Opa, bei dem ich in den ersten Jahren meines Lebens viel Zeit verbracht habe, da meine Eltern beide berufstätig waren. Sonst wäre ich wahrscheinlich BvB-Fan geworden, wie mein Vater. Dass der meine Mutter überhaupt heiraten durfte, verstehe ich bis heute nicht. War wahrscheinlich so ein Rumpelstilzchen-Deal: du darfst meine Tochter heiraten, dafür bekomme ich euer Erstgeborenes!

Wenn du die bisherige Saison in einem Wort zusammenfassen solltest, welches Wort wäre das?

Übergangssaison, natürlich. Wie jedes Jahr.

Die letzten drei Spiele konnte Schalke nicht gewinnen. Herber Rückschlag im Kampf um die Champions League. Oder ist da schon alles verloren?


Das Ding ist durch. Die Europa League werden wir aber wohl auch nicht mehr verhindern können. Finanziell ist das für uns wahrscheinlich ganz gut so, aber wenn es nach mir ginge, muss man sich nicht jedes Jahr auf Biegen und Brechen für das internationale Geschäft zu qualifizieren versuchen. Diese Saison wurde zuerst kein Saisonziel ausgegeben, man wollte die Fans mit begeisterndem Fußball zurückgewinnen und dem Team Zeit geben, sich zu entwickeln. Das gilt aber bei uns leider immer nur so lange auch Erfolg da ist. Geduld ist auf Schalke ein Fremdwort. Jetzt hechelt man doch wieder irgendeinem Tabellenplatz hinterher.

In der kommenden Saison wird Horst Heldt von Christian Heidel ersetzt. Ist das gut so?

Mit Horst Heldt war nicht alles schlecht. Er musste den Spagat schaffen neben dem Schuldenabbau auch noch eine Champions League-fähige Mannschaft auf die Beine zu stellen. Das hat er drei Mal in Folge geschafft. Dazu hat er sich verstärkt um die Jugendarbeit gekümmert. Unser A-Jugend-Trainer Elgert sagte wohl mal, Horst Heldt sei ein Segen für die Knappenschmiede gewesen. Ob Heidel nun der bessere Mann für Schalke ist, dazu wage ich keine Prognose abzugeben. Das muss er in diesem nervösen Umfeld, mit dieser Medienlandschaft und nicht zuletzt unter diesem Aufsichtsratsvorsitzenden erstmal unter Beweis stellen. Vielleicht geht das ja gar nicht besser, als Heldt es gemacht hat?!

André Breitenreiter, als Spieler mit 96 Pokalsieger 1992, steht sehr in der Kritik. Ist er auf Schalke gescheitert? Wenn ja, warum?

Leider ist es wohl so, dass wie zur neuen Saison wieder einen neuen Trainer haben werden. Ich hätte mir da mehr Geduld gewünscht, aber wie schon gesagt, das ist bei uns ein Fremdwort. Anfang der Rückrunde kamen Meldungen auf, Teile des Vereins werfen Breitenreiter Arroganz, Selbstherrlichkeit und Beratungsresistenz vor. Zuletzt kam immer häufiger der Vorwurf auf, er hätte taktische Defizite, beherrsche kein in-game-coaching, wechsele immer erst nach der 60. Minute. Das hat man aber meines Wissens schon seinen Vorgängern vorgeworfen. Vielleicht sollte man da bei der Mannschaft mal genauer hinschauen, ob da einige die Taktik vielleicht einfach nur nicht verstehen. Hinzukommt, dass Breitenreiter das Pech hat, dass der Manager, der ihn verpflichtete, quasi weg ist und der sonst so redselige Aufsichtsratsvorsitzende sich mitten im Wahlkampf um seine Wiederwahl befindet und einen Teufel tut, sich auf irgendwas festzulegen. Eine absolut beschissene Situation für den Trainer.

Markus Weinzierl gilt als Nachfolger für die kommende Saison. Eine Ablöse von 5 Millionen steht im Raum. Ist das nicht Wahnsinn?

Absolut! Vor allem erschließt sich für mich überhaupt nicht, warum man Breitenreiter gegen Weinzierl austauschen sollte. Das ist für mich ein und dieselbe Gewichtsklasse. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass ein neuer Manager mit einem Trainer seines Vertrauens arbeiten möchte. Aber nicht für so viel Geld. Auch nicht für die 3,5 Millionen, von denen ich gelesen habe.

Clemens Tönnies wurde beim Heimspiel gegen Leverkusen aus der Kurve hart kritisiert. Wie siehst du ihn?

Ich bin da mit der Kurve einer Meinung. Es ist Zeit für eine Veränderung. Er hat sicher einige Verdienste um den Verein, aber mit seiner Gutsherrenart, seinem Geltungsdrang und seiner Angewohnheit in jedes Mikrofon zu sprechen, das man ihm hinhält, schadet er dem Verein. Ich bin mir sicher, dass viele den Mann für den Präsidenten oder Vorsitzenden von Schalke halten. Aber der Mann ist „nur“ Aufsichtsratsvorsitzender und hat mit dem operativen Geschäft nichts zu tun. Seine Nähe zur BILD-Zeitung halte ich ebenfalls für problematisch.

Das 2:3 (nach 2:0) gegen Leverkusen am Samstag war sicher bitter. Jetzt geht es zum ersten Absteiger dieser Saison. Wiedergutmachung angesagt?

Wenn Hannover noch die geringste Chance auf den Klassenerhalt gehabt hätte, wäre ich sicher gewesen, dass wir euch wieder ins Spiel gebracht hätten. Krisenklubs wieder in die Spur zu helfen, ist eine unserer Spezialitäten. Aber Spaß beiseite: gegen Leverkusen hatte ich zur Halbzeit schon so ein mieses Gefühl. Und ich wusste, dass unsere Jungs es immer drinhaben, nach einem Gegentor einzubrechen. Nach dem Anschlusstreffer für Leverkusen habe ich dann zu meiner Freundin gesagt: „Das war‘s, jetzt geht’s dahin.“ Wiedergutmachung? Zwei Halbzeiten hintereinander ansehnlicher Fußball würde mir schon mal reichen.

Wie beurteilst du aus der Ferne den Abstieg der 96er?

Ich hatte 96 tatsächlich schon Anfang der Saison bei kicktipp als Absteiger getippt. Seit der Europapokal-Saison 12/13 hab ich Hannover eigentlich zunehmend grauer wahrgenommen. Ich hatte von außen das Gefühl, dass von Jahr zu Jahr weniger investiert wurde. Dann wurden zur neuen Saison die beiden Topscorer abgegeben. Da war mir schon irgendwie klar, dass das dieses Jahr sehr eng wird für 96.

Die letzten drei Spiele trat Hannover stark verbessert auf. Durch den Sieg der Frankfurter im Derby steht jetzt allerdings der Gang in die Zweite Liga fest, gut für euch? Oder befürchtest du ein „Jetzt erst Recht“ bei 96?

Nicht nur für euch geht es um nichts mehr. Bei uns ist der Drops ja auch gelutscht. Normalerweise würde ich sagen, das sollte eine klare Sache für uns werden. Aber bei euch zeigt die Formkurve eindeutig nach oben. Also ist da gar nichts klar für Schalke!

Und zum Schluss: Dein Tipp bitte

Mein innerer Monk verbietet mir, gegen mein eigenes Team zu tippen, deshalb sage ich 2:1 für Schalke.

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