Thomas Schaaf und 96 – eine neue Liebe?


In Teil 2 seines Gastbeitrags blickt @Ghost_7 auf die Situation bei Hannover 96. Passt die Kombination Schaaf-Hannover? Dürfen die 96-Fans vom Klassenerhalt träumen?

Hier geht es zu Teil 1

Bei 96 muss Schaaf nun eine ganz neue Aufgabe bewältigen: statt am Saisonbeginn mit der Arbeit mit einem Team anzufangen muss er dieses Mal im Winter ein Team übernehmen, das nach den Vorstellungen eines anderen Trainers zusammengestellt wurde, von einem Manager der ebenfalls nicht mehr im Verein arbeitet. Zeit und Budget, um den Kader noch an sein Spielsystem anzupassen, waren im Winter entsprechend begrenzt. Es sei angemerkt, dass er bei Werder zwar auch vier Spieltage vor Saisonende einstieg, aber auch mit der Chance, die Saison im Pokal noch zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. In Hannover hat er es hingegen mit einer Mannschaft in Angststarre zu tun, die nicht mehr viel gewinnen, aber alles verlieren kann.

Nach einer nur kurzen Kennenlernphase mit Bader mussten schon die ersten Entscheidungen für die Kaderplanung getroffen werden. Mit Almeida setzte Schaaf auf Bewährtes, einen alten Bekannten aus seiner Zeit bei Werder. Auch wenn er im ersten Spiel bereits traf, muss er sich nach einiger Zeit in schwächeren Ligen erst wieder an das Tempo der Bundesliga gewöhnen und seinen Trainingsrückstand aufholen. Fraglich, ob das noch vor Saisonende gelingt. Eher unerfreulich verlief zudem das Wiedersehen mit Sandro Wagner, der sich für seine damalige Ausmusterung bei Werder mit einem Doppelpack bei seinem Ex-Trainer „bedankte“.

Nach den ersten, für 96 mehr als nur enttäuschenden Spielen unter Schaaf stellt sich nun schon die Frage, ob Schaaf aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Die Antwort ist: nein.
Statt sich neuen Input zu holen für den Abstiegskampf vertraut er weiter auf sein altes Co-Trainer-Team, mit dem er allerdings schon zwei Mal gescheitert ist. Sein Co Wolfgang Rolff warf einige Zeit nach seiner Entlassung bei Werder noch ohne jede Spur von Ironie Schaaf-Nachfolger Robin Dutt vor, keinen Erfolg zu haben, weil er nicht mehr auf die Raute setze. Doch gerade die Abkehr von diesem veralteten Spielsystem bescherte Dutt zumindest ein vorübergehendes Zwischenhoch. Schaafs Nachnachfolger tritt unterdessen den Beweis an, dass die Raute weiterhin nicht zu der gewünschten Stabilität an der Weser führt.
Das hielt Rolff nicht davon ab, zusammen mit seinem Chef die Raute in Hannover wieder aus der Umzugskiste zu holen, in der sie besser geblieben wäre. Ist sie bei einem passstarkem und ballsicherem Team ein sicheres Gerüst, wird sie mit dem derzeitigen Kader der 96er zu einem fragilen Gebilde. Es fehlt einfach an den Spielern, die dieses System mit Perfektion spielen können. Kiyotake und Sané können zwar die 10 und die 6 spielen, aber schon auf den Halbpositionen fangen die Probleme an. Durch das systembedingte fehlende Spiel über die Außen wirkt das Angriffsspiel zu statisch und lässt sich dadurch stoppen, die Spielfeldmitte dicht zu machen.

Die Raute ist auch nicht dafür geeignet, zuerst ein solides Defensivspiel auf die Beine zu stellen. Genau das ist es aber, was 96 im Abstiegskampf braucht. Nur wenn das Team sich Sicherheit über ein gutes Defensivspiel holt, kann es auch wieder Selbstbewusstsein für das Spiel nach vorne aufbauen. Dafür müsste Schaaf allerdings ausgetretene Pfade verlassen und einem neuen Spielsystem, etwa einem 4-5-1, eine Chance geben.

Ein weiteres Problem zeigte sich schon bei Werder. Standards können im Abstiegskampf eine probate Waffe sein, die schaaf’schen Varianten funktionierten jedoch nicht. In unguter Erinnerung blieb vor allem die „Abseits-Ecke“, eine besonders ungewöhnliche Eckballvariante, bei der die angreifende Mannschaft sich selbst ins Abseits stellt. Zumindest führte diese Variante nicht zu direkten Gegentoren, was bei Werder auch öfter vorkam. Hier sollte er auf Vorschläge seiner neuen Co-Trainer hoffen.

Zu seiner Arbeitsweise: Schaaf ist ein Trainer, der sehr auf die Selbstverantwortung seiner Spieler setzt. Seine Spieler sollen sich wie erwachsene Profis verhalten und entsprechend auch selbst auf einen professionellen Lebensstil achten und interne Probleme selbst regeln. Das funktioniert gut in einer gewachsenen und reifen Mannschaft, die keine 24/7 Betreuung durch ihre Trainer braucht. Allerdings kann sich das bei einer stark verunsicherten Mannschaft mit einem ebenso verunsicherten Umfeld als problematisch erweisen. Von einigen Spielern aus seinen späteren Werder-Jahren wurde ihm mangelnde Kommunikation vorgeworfen.

Schaaf ist nicht der Typ, der Spieler mit Worten alleine aus einem Tief herausredet, was vielleicht genau das ist, was 96 nach der Serie von Misserfolgen braucht. Anders als seine Vorgänger setzt Schaaf nicht auf Team-Building Maßnahmen im Kloster, seine Skepsis gegenüber derlei Maßnahmen ließ er in Hannover schon durchscheinen.

Nach dem schlechten Start in die Rückrunde ist die Luft bereits dünn. Die Mannschaft wirkt zutiefst verunsichert und braucht dringend ein Erfolgserlebnis, um aus der Negativspirale heraus zu kommen. Ein solches ist gegen den nächsten Gegner, den BVB, aber nicht zu erwarten. In den beiden folgenden Spielen sind 6 Punkte dann schon Pflicht, um den Anschluss an die Nichtabstiegsränge nicht schon frühzeitig zu verlieren.

Thomas Schaaf ist sicherlich immer noch ein Trainer, der unter den richtigen Voraussetzungen immer noch gute Arbeit machen kann, für 96 könnte er sich aber als der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort erweisen. Er ist nicht der Trainertyp „Feuermann“, der Spieler heiß macht und kurzfristig Erfolge allein durch Motivation erzielen kann, sondern ein akribischer Arbeiter, der eine Mannschaft mit Bedacht aber stetig aufbaut. Die Zeit dafür ist in Hannover aber vielleicht schon abgelaufen.

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Ein Gedanke zu “Thomas Schaaf und 96 – eine neue Liebe?

  • BenGurion

    Tja, so in etwa habe ich Schaaf von weitem auch eingeschätzt.
    Verfüge aber über kein Experten- oder Insiderwissen oder sonst wie besonders geartetes Wissen oder Kommunikationskanäle, über die ich mir Meinungen oder gar ein Profil über Schaaf einholen könnte, habe auch nicht die Zeit und Mittel mich gezielt zu informieren.
    Alles was hier geschrieben worden ist, sollte daher zumindest Martin Bader bekannt sein und er es Martin Kind kommuniziert haben.
    Stellt sich mir die Frage, was Martin Bader im Unterschied zu dem, was hier geschrieben worden ist, sich von der Verpflichtung Thomas Schaafs versprochen hat? Sein Urteil über Schaaf muss ja anders ausgefallen sein.
    Andersherum gesagt: Was sieht Martin Bader in Thomas Schaaf, was Ghost_7 und ich nicht in ihm sehen?