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Wir steigen nicht ab!

Martin Kind im großen Exklusivinterview vor dem Spiel gegen Darmstadt 98

„Wir werden heute Nachmittag eine andere Mannschaft erleben.“

 

Herr Kind, heute startet für Hanover 96 nach einer aufregenden Winterpause mit einem Trainerwechsel und fünf neuen Spielern die Rückrunde. Wie ist Ihr Gefühl vor dem Spiel gegen Darmstadt?

Vielleicht ein kurzer Rückblick: Die Hinrunde ist deutlich anders verlaufen, als wir es vorher diskutiert haben, bevor wir die Transferentscheidungen getroffen haben. Wir stehen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Das ist das Ergebnis der Spiele der Hinrunde. Das sollte man so selbstkritisch beurteilen. Und wir haben die Situation seriös, kritisch und umfassend versucht zu analysieren. Das hat im Ergebnis zu der Entscheidung geführt, einen neuen Trainer und bisher fünf Spieler zu verpflichten.
Ich persönlich freue mich, dass die Rückrunde losgeht. Nach dem Spiel können wir die Situation realistischer einordnen. Wir werden heute Nachmittag eine andere Mannschaft erleben. Es wird schwer, aber ich bin positiv: Wir werden das Spiel gewinnen.

Sind Ihre Transferaktivitäten abgeschlossen, oder halten Sie es sich offen wenn das Darmstadtspiel neue Erkenntnis liefert, erneut aktiv zu werden?

Wir haben fünf Spieler verpflichtet, Szalai und Almeida waren schon mit Thomas Schaaf abgestimmt. Jetzt müssen wir sehen, in wie weit die Spieler die Erwartungen kurzfristig – am besten schon ab heute – bestätigen.
Die Analyse hat gezeigt dass unser Defensivverhalten kritisch gewesen ist. Das hat dazu beigetragen, dass wir Tore bekommen haben und oft verloren haben. Wir haben auch zu wenig Tore geschossen. In der Offensive waren daher Verstärkungen nötig. Thomas Schaaf wird anders spielen lassen, er wird offensiver spielen lassen. Wir werden das nach dem Spiel, ein wenig besser beurteilen können. Ich warne davor, zu hohe Erwartungen zu haben.Wir werden das Spiel gewinnen, aber zu erwarten der Hebel wäre schon umgelegt und es wird alles anders, wäre nicht realistisch. Es ist auch kein Schicksalsspiel. 

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Fotos: Maik Saemann „Coldwillow-picz“

Hugo Almeida hat auf seiner Vorstellung gesagt er sieht sich bei 50-60%. Ist das dann eine Verstärkung?

Das können wir nach dem Spiel besser beurteilen. Es ist ein Wunschspieler von Thomas Schaaf.

Planen Sie Abgänge?

Benschop wird nachgefragt und wir wären bereit, ihn auszuleihen und zu verkaufen und dann wäre es noch Rankovic.

War es im Rückblick ein Fehler, mit dem Trainer Michael Frontzeck im Sommer weiterzumachen?

Man sollte nach vorne blicken. Wenn Entwicklungen negativ sind, muss man die Kraft haben, notwendige Entscheidungen zu treffen. Wir waren aufgrund der Analyse der Meinung, dass wichtige Entscheidungen zu treffen sind und wir haben sie getroffen. Wir blicken nach vorne. Michael Frontzeck hat mit der Mannschaft den Klassenerhalt erreicht. Natürlich hätte man einen neuen Trainer verpflichten können. Das hätte allerdings mindestens zwei, drei Wochen gedauert. Das wäre nach meiner Einschätzung zu spät gewesen.
Das andere Risiko, wäre gewesen, ein neu verpflichteter Trainer wäre nicht erfolgreich gewesen. Dann wäre die Diskussion rückwärtsgewandt gelaufen, warum man nicht verlängert hat.
Michael Frontzeck ist als Mensch super und auch als Trainer insgesamt erfolgreich. Wir stehen allerdings auf dem vorletzten Tabellenplatz. Deswegen musste entschieden werden.

„Ich finde es toll, dass sich Thomas Schaaf in dieser schwierigen Situation für Hannover 96 entschieden hat.“

 

Haben Sie jetzt mit Thomas Schaaf Ihren Wunschtrainer, nachdem Sie ihn ja bereits zweimal vergeblich verpflichten wollten?

Er ist ein Trainer der aus meiner Beurteilung bewiesen hat, dass er erfolgreich arbeiten kann und auch langjährig erfolgreich arbeiten kann. Ich finde es toll, dass sich Thomas Schaaf trotz der schwierigen Situation für Hannover 96 entschieden hat. Für mich ist in dieser Situation ein ganz wichtiges Signal und deshalb freue ich mich deutlich.

Haben Sie sich auch gefreut, als Herr Born aus Bremen gestern in der HAZ  Hannover 96 als namhaften Bundesligisten bezeichnet hat?

Das sind freundliche Nettigkeiten. Ich denke, wir sind eine regionale Marke, aber wir müssen uns zu einer nationalen Marke entwickeln.

Sind in diesem Zusammenhang die Jahre nach Jörg Schmadtke als Rückschritt zu bewerten?

Das geht zu weit. Eine Marke muss sich losgelöst von der sportlichen Situation entwickeln. Sonst haben sie immer die positive Wahrnehmung bei Erfolg und die negative Wahrnehmung bei Misserfolg. Das wollen wir nicht.

Sie sprechen von „Marke“. Das ist für viele Fußballfans ein „böses“ Wort

Das ist nun einmal der betriebswirtschaftliche Fachbegriff.

Sie sehen demnach Hannover 96 losgelöst vom sportlichen Erfolg. Es ist mehr als Fußball?

Hannover 96 viel mehr als Fußball. Der Breitensport wird unterschätzt. In den Jahren habe ich gelernt, dass insbesondere der Breitensport eine ungeheure gesellschaftliche Verantwortung besitzt. Ich bin unheimlich dankbar und auch stolz, dass es uns gelungen ist, auch im Breitensport erfolgreich zu sein.
Die Basis ist der Breitensport. Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich auf das Produkt Fußball. Und deswegen muss man ein Dach schaffen, unter dem sich beides wiederfindet und eine gemeinsame Außenwahrnehmung erreicht.

Wenn der Breitensport die Basis ist, warum haben Sie dann die Fußballgesellschaft von der Basis losgelöst?

Die Zusammenführung ist in einem Grundlagenvertrag geregelt. Nach Außen gibt es nur eine Marke. Es ist aber meine tiefe Überzeugung, dass sie zwei Philosophien brauchen, mindestens hier in Hannover:
Auf der einen Seite, brauchen sie die Vereinsphilosophie auf Gemeinnützigkeit. Dann brauchen Sie eine saubere Firewall und auf der anderen Seite den steuerpflichtigen Teil.
Bei Hannover 96 mussten wir aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen die Trennung vollziehen und wir mussten beim Fußball eine Unternehmensphilosophie, verbunden mit ertragsorientiertem Denken entwickeln. Deshalb ist es in meinen Augen notwendig, diese Trennung konsequent zu vollziehen und unter dem gemeinsamen Markendach zusammen zu führen.

Warum muss dem Verein die Kontrollfunktion über die Management GmbH genommen werden?

Der Einfluss dadurch wird vollkommen überschätzt. Die GmbH ist nur noch für die Besetzung der Geschäftsführung verantwortlich. Da wird der operative Geschäftsführer bestellt. Nicht mehr und nicht weniger.

Immerhin

Entscheidungen, können nur mit Zustimmung der Gesellschafter erfolgen, wie zum Beispiel die Genehmigung des Haushaltes, der Investitionen und anderen Aufgaben.

Es gibt ja in der Bundesliga Gegenbeispiele, wo nicht die komplette Macht angestrebt wird.

Ja, es gibt da Beispiele mit Umgehungstaktiken. Das will ich nicht. Ich möchte offen und transparent die Strukturen darstellen.

Es gibt im Verein Bestrebungen dagegen. 

Es ist im Leben so, dass Prozesse zum Teil unterschiedlich beurteilt werden. Was mich überrascht: Ich habe es von 1998 an ehrlich und offen kommuniziert und jetzt in der Endphase wird es zum Thema. Das habe ich zur Kenntnis zu nehmen, macht aus meinem Verständnis wenig Sinn. Man sollte lieber diskutieren, wie man bestimmte Fragen lösen kann. Man kann über alles reden, aber es müssen auch konstruktive Vorschläge kommen. Man kann alles kritisieren. Schön wäre es, wenn dann auch konstruktive Vorschläge unterbreiten könnte, über die man seriös diskutieren kann.
Wir bauen das NLZ und investieren dort 18 Million EURO. Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Wir haben hier ja auch keine Investoren, sondern nur lokale Gesellschafter. 

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Fotos: Maik Saemann „Coldwillow-picz“

Doch, was kommt nach Ihnen?

Ich kann natürlich nicht sagen, was in 100 Jahren ist. Das interessiert mich auch nicht mehr. Ich denke, realistisch sollte man überschaubare Zeitachsen definieren. Was danach kommt, sollen Folgegenerationen definieren.
Hannover 96 ist bisher damit gut gefahren: Es ist eine Win-Win-Situation. Ich weiß nicht, warum darüber diskutiert werden muss. Etwas vollkommen anderes wäre es, es hätte einer verloren. 

„Wir steigen nicht ab!“

 

Zurück zum Sportlichen.
Gehen wir davon aus, dass morgen erfolgreich gespielt wird und auch der Rest der Rückrunde nach Wunsch verläuft und der Klassenerhalt erreicht wird

vor dem Bayernspiel

Sie gehen davon aus, dass es eng wird wenn dort noch gepunktet werden muss?

Dann wird es deutlich eng. Ich vertraue Thomas Schaaf und der Mannschaft, dass wir vorher den Klassenerhalt erreicht haben werden und am Ende um Platz 12, 13 stehen. Denn eins muss man deutlich sagen: Wir haben auf dem Transfermarkt viel investiert, haben eine hohe Lohnsumme. Wenn ich das mit anderen Mannschaften vergleiche, müssen wir einen anderen Anspruch haben.

Wenn es klappt, gibt es dann wieder einen kleinen Umbruch, um andere Ziele angreifen zu können? Sie haben ja die Weichen mit der Verpflichtung von Martin Bader und Thomas Schaaf gestellt. Sehen Sie ein tragfähiges Gerüst mit den beiden? Wollen Sie um die Personen ein neues Hannover 96 aufbauen?

In letzten Jahren haben wir schwierige Entscheidungen getroffen. Wenn man sich anschaut, wie die Entscheidungen getroffen wurden, hat sich klar gezeigt, dass wir nicht ausreichende sportliche Kompetenz eingebunden haben. Wir müssen uns im sportlichen Bereich mit deutlich höherer Kompetenz ausstatten. Die ersten Schritte mit Herrn Bader und Herrn Möckel sind gegangen. Ob es da noch einen Sportdirektor geben wird, haben wir offen gehalten. Auch unser jetziges Scoutingsystem ist nicht effizient genug. Das Wissen um die Fußballmärkte in Deutschland und Europa, ist nicht ausreichend. 

In den letzten Jahren kamen aus dem NLZ zu wenig Spieler für die Profis. Stimmen Sie da zu?

Wenn man es genau nimmt, waren das nach Mertesacker nur Rosenthal und Rausch, die übrigens gern zu Hannover 96 zurückgekehrt wären, ich hatte auch Kontakt, hätte sie auch gern verpflichtet, aber da war in der sportlichen Leitung eine sehr defensive Einstellung.
Wir brauchen die Infrastruktur, um endlich konkurrenzfähig zu sein. Aber müssen dann auch Postionen schaffen, um das System zu organisieren. Das wird mit Thomas Schaaf gut möglich sein, weil er da offener ist, als andere.

Wie sieht das mit Jan-Moritz Lichte aus. Der sollte ja eigentlich im NLZ eingebunden werden. Die BILD schrieb gestern, dass er geht. Ist das richtig?

Ich habe das gestern gelesen. Mir ist das nicht bekannt.

Das heißt, Herr Lichte arbeitet im NLZ?

Der arbeitet im NLZ, ja. Nur, wir müssen noch die genaue Aufgabe definieren. Er soll ein Baustein sein.

Was ist im negativen Falle? Würden Sie im Falle des Abstiegs sagen: „Ich habe strategisch falsche Entscheidungen getroffen und ziehe daraus persönliche Konsequenzen und ziehe mich zurück.“?

Wir steigen nicht ab!

Das ist sehr hypothetisch. Da ich Niederlagen ablehne, würde ich die Verantwortung theoretisch auch weiterhin annehmen, damit wir nächstes Jahr wieder aufsteigen.

Aber halten wir fest: Hannover 96 wird NICHT absteigen.

Davon bin ich überzeugt.

Herr Kind, vielen Dank für das Gespräch und einen erfolgreichen Rückrundenauftakt.

4 Gedanken zu „Wir steigen nicht ab!“

  1. Sehr gelungenes Interview, vielen Dank!
    Und ich empfinde den Bezug zum Bild-Artikel als durchaus legitim. Die Bild ist schließlich was 96 betrifft immer gut informiert.
    Weiter so!

  2. Die Bild schrieb gestern…Oh man…ein Internetblog von einem Menschen den man nie im Stadion sieht bezieht sich auf die BILD…alles klar. Genug gelesen.

    1. Lieber Thorsten, Danke für deinen Kommentar. Bist du an einer ernsthaften Diskussion interessiert, oder wolltest du nur „pöbeln“. Ich wollte wissen, ob Lichte tatsächlich freigestellt ist. Und die Information kam aus der Bild. Natürlich nehme ich dann Bezug darauf.

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