Florian Krebs von der BILD im großen Exklusivinterview


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„Gut, dass die Ultras wieder da sind.“

Lieber Florian, vielen Dank für deine Zeit. Wie geht es dir im Moment als 96 Reporter?

Gut, danke. Sportjournalist ist ein Traumberuf, gern möchte ich aber mit einem Vorurteil aufräumen. Wir 96-Reporter sind keine Hofberichterstatter und auch keine Fans der Roten, jedenfalls meistens. Nichtsdestotrotz fiebert man natürlich mit. Die Europa League war geil – nicht nur für die Spieler und Fans. Abstiegskampf macht auch uns keinen Spaß, weil die Stimmung bedrückt ist und jedes Wort hochsensibel aufgenommen wird. Für einen Reporter geht es aber in erster Linie um gute und bestmöglich exklusive Geschichten. Sieg oder Niederlage ist da zweitrangig.

Lass uns kurz einmal auf die letzte Saison zurückblicken. Die aktive Fanszene hat einen Großteil der Spiele boykottiert. Konntest Du die Entscheidung nachvollziehen?

Selten habe ich meine Meinung so deutlich geändert wie in diesem Fall. Zuerst habe ich gedacht: ‚Sollen die doch fernbleiben, dann machen halt andere die Stimmung.‘ Genau das aber hat nicht funktioniert. Gut, dass die Ultras wieder da sind – dass ich das mal sage, hätte ich vor einem Jahr auch nicht für möglich gehalten. Aber zumindest für Hannover sind sie unverzichtbar. Gut, dass Verein und Fans endlich intensiv im Dialog sind. Beide Seiten müssen wissen, dass es ohne den anderen nicht geht.

Nicht wenige behaupten, dass auch Eure Berichterstattung in BILD dazu beigetragen hat, die Anliegen der Fanszene durch den inflationären Gebrauch der Begriffe „Krawalle“, „Gewalt“  und „Ausschreitungen“, in ein schlechtes Licht zu rücken. Stimmt das?

Ich weiß, dass das in Fankreisen nicht gern gehört wird, ich sage es aber trotzdem: Leute, die sich prügeln, mit Gegenständen werfen, andere angreifen, sind für mich Chaoten und Idioten. Journalistisch steht man nach jedem Vorfall übrigens vor der Entscheidung: Berichte ich groß, gebe ich diesen Idioten eine Plattform. Macht man es nicht, verschweigt man etwas. Eine persönliche Bemerkung übrigens noch zu Pyros. So gut das auch aussehen mag – es ist gefährlich und deshalb verboten. Wer es trotzdem macht, bringt sich und andere in große Gefahr – und schädigt seinen Verein, weil die Strafen keine Kinkerlitzchen sind.

 


Zur Person: Florian Krebs

Geb. am 22.12.1974 in Peine
Verheiratet, zwei Kinder

Abitur 1994 (1,3), abgeschlossenes Studium Germanistik und Geschichte 2002 (2,3)
1996-1999 Freier Mitarbeiter bei der PAZ in Peine
2000-2001 Online-Redakteur bei Sportprofil.de und Icons.com
2001-2004 Freier Journalist (u.a. bpa sportpresse, Deister-Leine-Zeitung, Pilotprojekt:)
2004-2005 Sportredakteur Heimatzeitungen (Deister-Anzeiger/Leine-Nachrichten/Calenberger Zeitung)
2006-2008 Sportredakteur Neue Presse
Seit Oktober 2008 Sportredakteur BILD Hannover


„Unterm Strich ist es aber die Bilanz eines Absteigers“

 

Lass uns kurz auf das Auswärtsspiel bei der Fohlenelf zu sprechen kommen. Auf der Anreise gab es unschöne Szenen. 96 Fans wurden von Gladbach Fans angegriffen. Die Polizei schickte daraufhin einen Teil der 96 Fans zurück. Auf Twitter wart Ihr sehr schnell dabei, von „96-Idioten“ zu sprechen? War das ein Fehlurteil?

Einige haben mir ja vorschnell schlechte bzw. gar keine Recherche vorgeworfen. Das ist falsch! Die ersten Informationen kamen vom Sprecher der Polizei Gladbach, der mir gegenüber auf Nachfrage  betonte: 96-Fans hätten im Zug  randaliert und Türen eingetreten. Und wenn man sich auf einen Polizeisprecher, der alle Seiten prüft und sich im Zweifelsmann lieber gar nicht äußert als etwas Falsches zu sagen, nicht mehr verlassen kann?! Weil es später an der Darstellung des Polizeisprechers Zweifel gab, habe ich weiter recherchiert und auch darüber informiert. Früher hätte es für die ersten Recherchen gar keine Plattform gegeben und es hätte am nächsten Tag die aktuellste Version in der Zeitung gestanden. Durch Kanäle wie Twitter werden Informationen viel, viel schneller verbreitet. Jeder User läuft aber Gefahr, dass sich einige Informationen später als nicht richtig rausstellen. Twitter und all die sozialen Netzwerke sind hier also Fluch und Segen zugleich.

Wie stehst Du persönlich zu der aktiven Fanszene und den Ultras?

Wie gesagt, in Hannover sind sie unverzichtbar. Persönlich meine ich, dass sich einige Fans manchmal hinterfragen sollten, ob sie sich nicht wichtiger nehmen als sie sind. Für den Erfolg einer Mannschaft ist der Spielmacher mit dem Zauberfuß und der Mega-Torquote sicherlich erst mal wichtiger als ein einzelner Fan im Block. Gleichzeitig aber heißt es nicht umsonst, dass Fans der 12. Mann sind. Sie können gerade in für die Mannschaft schwierigen Phasen den Extra-Push ausmachen.

Zurück zum Sport: Zum Ende der letzten Saison und in der Saisonpause, habt Ihr in BILD die Arbeit von Dirk Dufner sehr gelobt. Es entwickelte sich zwischen Euch und den Madsack-Redaktionen, die ihn deutlich kritischer beurteilt haben, eine Art Schlagabtausch. Wie beurteilst du jetzt nach 14 Spieltagen die Transferphase im Sommer und das Vermächtnis Dirk Dufners?

Es war ein Fehler vom Verein, Dirk Dufner nicht den Rücken zu stärken und ihn trotzdem die Mannschaft zusammen stellen zu lassen. Dass sich Dufner auch nach seinem verkündeten Abschied noch reingehauen hat, verdient Respekt. Das Grundproblem war, dass er nie genau wusste, wie viel er ausgeben darf. Die 10 bis 15 Mio Euro hat Martin Kind nie dementiert, im Endeffekt war es aber eine Spekulation der Medien. Natürlich sind einige Transfers gefloppt, Erdinc ist eine einzige Enttäuschung. Dafür macht ein Junge wie Uffe Bech richtig viel Spaß.

Und wie fällt grundsätzliche deine Bilanz zum bisherigen Verlauf der Saison aus?

Nach 14 Spieltagen hat 96 vier Punkte Vorsprung auf Platz 16 – mit erst 14 Punkten. Das ist das Positive! Unterm Strich sind 14 Punkte aus 14 Spielen aber enttäuschend und die Bilanz eines Absteigers. Hoffnung macht, dass Michael Frontzeck jetzt seine Startelf gefunden zu haben scheint und 96 in den letzten beiden Spielen in Gladbach und gegen Ingolstadt richtig gut gespielt hat.

Ist Martin Bader der richtige Mann auf dem Posten des Geschäftsführers Sport?

Ich hoffe. In Nürnberg hat er einen Graue-Maus-Klub zum Pokalsieg 2007 geführt und einige sehr gute Transfers getätigt, etwa Kiyotake oder Drmic. In Hannover soll er nicht nur die Profi-Mannschaft verstärken, sondern auch das Scouting verbessern und ein starkes NLZ aufbauen. Da ist in der Vergangenheit doch einiges vernachlässigt worden.

 

„Ist Michael Frontzeck der richtige Trainer? Ein klares Ja!“

Martin Kind hat bereits jetzt angekündigt, dass 96 mindestens drei Spieler in der Winterpause verpflichten wird. Teilst Du seine Einschätzung?

Absolut. 96 hatte in den letzten Jahren immer Top-Knipser – Abdellaoue, Ya Konan, Diouf, auch Joselu ein halbes Jahr lang. So einer fehlt jetzt. Hinten links braucht 96 einen, der Miiko Albornoz Konkurrenz macht. Und nach Kiyotakes schwerer Verletzung hat 96 keinen Spielmacher – Andreasen oder Gülselam können auf der „10” ja keine Dauerlösung sein.

Wie viele Punkte hat Hannover 96 zur Winterpause?

17 wären klasse. Das würde bedeuten, dass du auf Schalke oder in Hoffenheim gewinnst. Oder jetzt dreimal Unentschieden spielst, also auch gegen Bayern. Das Wichtigste ist, dass 96 in Hoffenheim nicht verliert.

Ist Michael Frontzeck in Deinen Augen der richtige Trainer für Hannover 96?

Klares Ja! Den Klassenerhalt hätten im Mai nicht viele geschafft. Und auch in dieser schwierigen Saison führt er die Mannschaft ruhig und besonnen. Junge Spieler wie Karaman vertrauen ihm, Sané wurde unter ihm Führungsspieler. Es gibt Stimmen aus der Kabine, die sagen: 96 wäre im Moment auch mit Guardiola oder Mourinho nicht erfolgreicher.

Bleiben unsere Roten drin?

Erneut ein klares Ja! Weil die Mannschaft für die Rückrunde verstärkt wird und am Ende mindestens drei Teams schlechter sein werden. Dem ersten 96-Rückrundengegner Darmstadt wird es wie letzte Saison Paderborn ergehen. Auch für Werder wird’s eng.

Du warst ja vor deiner Zeit bei BILD Reporter bei der Neuen Presse. Unterscheidet sich das Arbeiten?

BILD ist Boulevard, da muss jede Geschichte knackig und am Besten exklusiv sein. Der Druck ist höher – aber natürlich auch die Außenwirkung. Und unser Tätigkeitsbereich wird immer größer: Als BILD-Reporter schreibe ich längst nicht mehr nur für BILD und bild.de, sondern bediene täglich Twitter und drehe auch regelmäßig Videos für unsere Bundesliga-bei-Bild-Sendungen.

Wer ist näher dran? Ihr? Oder die Jungs von Madsack?

Wir bei BILD natürlich. Das ist auch der Anspruch! BILD ist bei jedem Training, bei jedem Spiel. Natürlich passieren auch uns mal Fehler. Aber bei uns wird immer gründlich recherchiert, nachgefragt, angezweifelt. Am Spieltag einen Spieler in die Startelf schreiben, der gar nicht dabei ist, das darf es bei uns nicht geben.

Ist Hannover 96 für Dich nur Arbeit? Oder bist Du auch im Herzen ein Roter?

Seit ich 5 bin, bin ich Bayern-Fan. Natürlich teile ich auch für 96 Sympathien. Das ist ja normal, wenn du tagtäglich mit diesem Verein zu tun hast. Meinem Sohn habe ich ein 96-Trikot geschenkt, „Eddy” ist eins seiner Kuscheltiere.

Wenn Du einen Wunsch in Bezug auf Hannover 96 frei hättest, was würdest Du dir wünschen und warum?

Das Pokalfinale in Berlin. Zwei Kollegen haben mir von ihren Erlebnissen 1992 erzählt. Mit Wolfsburg habe ich es im Mai halb-dienstlich erlebt. Ein Pokalfinale 96 gegen Bayern im Berliner Olympiastadion – das wäre geil.

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