Exklusiv: 96-Trainer Stendel so nah wie nie: „Die Zuschauer sollen sagen können ‚Das ist mein 96. Diese Spieler stehen dafür’. Das treibt mich an“


Hannover – Daniel Stendel ist seit fünf Monaten Cheftrainer von Hannover 96. Was als Interimslösung begann, entpuppte sich als riesiger Glücksgriff. Seit April herrscht Hoffnung, Zuversicht und Glaube. Die Mannschaft hat Erfolg. Heute stellt er sich im großen Exklusivinterview.

Freut sich spitzbübisch und brachte den Erfolg zurück: Mr. 96 Daniel Stendel. Foto: Christian Schroedter/imago

Freut sich spitzbübisch und brachte den Erfolg zurück: „Mr. 96“ Daniel Stendel. Foto: Christian Schroedter/imago

Herr Stendel, Sie sind im Moment so etwas wie die Gallionsfigur von Hannover 96. Im Jahr 2002 haben auch Ihre Tore mit für den Aufstieg in die Bundesliga gesorgt. Lässt sich das Verhalten der Fans Ihnen gegenüber vergleichen?

Ich habe schon Ende der Saison wahrgenommen, dass viel mit meinem Namen verbunden wird. Das freut mich natürlich auch. Ich denke aber, dass ich mich auch durch mein Auftreten so weit zurückgenommen habe, dass deutlich wird, wie wichtig mir das Team ist. Wir sehen uns als großes Ganzes. Nicht der Einzelne, auch nicht der einzelne Spieler, zählt. Wir sollen als ein Hannover 96 wahrgenommen werden. Ich bin ein Teil davon.

Als Sie die Mannschaft übernommen haben, war die Stimmung gespenstisch. Nach Ihrer Amtsübernahme hat sich das alles geändert. Die Stimmung hat sich innerhalb kürzester Zeit um 180 Grad gedreht. Stimmen Sie da zu?

Wir wollten natürlich einen kleinen Turnarround schaffen, um den Blick nach vorn zu richten. Aber auch mich hat überrascht, wie schnell das möglich war. Die Mannschaft hat von Anfang an mitgezogen. Die Leistung bei meinem ersten Spiel in Berlin (2:2, Anm. d. Red.) war ordentlich. Daran hat man gemerkt, was eigentlich möglich ist, wenn wir als geschlossene Mannschaft auftreten. Wenn wir Bereitschaft, Emotionen und Leidenschaft zeigen, dann kann man die Leute wieder für einen begeistern. Und das ist mir extrem wichtig. Für mich ist Fußball ein Leidenschaftssport, bei dem ich viel investieren muss, aber dafür auch viel zurückbekomme. Das versuche ich meinen Spieler zu vermitteln. Wir bekommen eine Menge zurück von den Leute im Stadion und beim Training. Das ist die Grundvoraussetzung für den Fußball, wie ich ihn mir vorstelle.

Daniel Stendel bei seiner Vorstellung am 04.April 2016. Foto: Joachim Sielski/Bongarts/Getty Images

Daniel Stendel bei seiner Vorstellung am 04.April 2016. Foto: Joachim Sielski/Bongarts/Getty Images

Es ist so etwas wie eine Euphorie zu spüren. Es reisen viele Fans auch mit zu den Auswärtsspielen. Können die Fans ein Faktor im Kampf um den Aufstieg sein?

Sie sind ein extrem wichtiger Faktor. Zu unserer Mannschaft zählen nicht nur die Spieler. Damit fängt es an. Dann geht es bei dem Team um das Team weiter. Wir wollen auch mit den Zuschauern, der ganzen Stadt Hannover und allen, die mit Hannover 96 sympathisieren, eine Macht bilden. Das ist eine unserer Maxime für die neue Saison gewesen. Ich freue mich natürlich über den sehr guten Saisonstart und möchte, dass er auch so wahrgenommen wird. Wir investieren wirklich extrem viel. Und es wird nicht immer alles nur positiv sein. Wir wünschen uns das natürlich alle und das ist auch das Ziel, aber besonders wenn es auch mal schwierige Situation gibt, werden die Fans zum Pluspunkt werden. Denn: wir alle sind Hannover 96. Und nicht nur der Kader von 30 Leuten.

Hannover ist eine Stadt, in der es Trainer in der Vergangenheit nicht immer leicht hatten. Es war eher die Ausnahme, wenn ein Trainer über längere Zeit in Ruhe arbeiten konnte. Sind Sie darauf vorbereitet, dass bei Misserfolg auch schnell harte Kritik an Ihnen geübt werden könnte?

Insgesamt habe ich eine positive Einstellung. Vor zehn Jahren war das noch anders und ich musste das erst lernen. Ich gehe davon aus, Erfolg zu haben. Ich gehe davon aus, dass wir unsere Ziele erreichen. Ich gehe davon aus, weil wir eine Menge investieren. Ein Faktor ist, diese Überzeugung selbst zu haben. Ein weiterer Faktor, auch die Mannschaft davon zu überzeugen. Unsere Ziele sind klar formuliert. Wir haben 14 Jahre Bundesliga gespielt. Der Aufstieg muss ja unser Anspruch sein. Eins muss aber klar sein: Allein durch Reden steigen wir nicht auf. Sondern wir müssen jede Woche in einer engen Liga unsere Leistung bringen. Wir sind von unserem Weg überzeugt und das macht unsere Arbeit leichter. Dadurch können Sachen auch an mir abprallen. Denn ich weiß, dass unser Weg der richtige Weg ist. Und die Mannschaft hat entschieden, diesen Weg mitzugehen. Wenn wir so eng zusammenstehen, prallt Kritik an uns ab. Natürlich versuchen wir dennoch alles, um uns auf eventuelle Rückschläge vorzubereiten.

Sind Sie wirklich so cool und haben keinen Moment gezögert, ob Sie sich in dieses Haifischbecken begeben wollen?

Das war tatsächlich keine Frage. Ich weiß doch, wie es in Hannover ist. Ich habe das als Spieler und im NLZ erlebt. Als ich die Chance bekommen habe, wollte ich das machen. Ich habe sehr lange und sehr erfolgreich im Nachwuchsbereich gearbeitet und wollte den Aufstieg in den Herrenbereich wagen. Ich habe mir auch zugetraut, das zu schaffen. Ich hatte das Gefühl für Hannover 96 zu stehen und wollte, dass die Mannschaft auch für Hannover 96 steht. Die Zuschauer sollen sagen können ‚Das ist mein 96. Diese Spieler stehen dafür’. Das treibt mich an.

Am Anfang waren Sie für viele „nur“ der Interimstrainer. Nach knapp einem halben Jahr sieht das anders aus. Merken Sie Unterschiede in der Wahrnehmung?

In der Anfangsphase war ich sehr auf die neue Aufgabe fokussiert und habe das nicht so wahrgenommen. Ich bin nicht blauäugig. Ich weiß, dass noch nichts erreicht ist. Wir hatten einen guten Start, mehr auch nicht. Für mich ist jedes Spiel das entscheidende Spiel. Ich denke daher immer nur an das aktuelle Spiel und blende alles andere aus.

Sind Sie nach Ende der Transferperiode mit Ihrer Mannschaft zufrieden?

Wir haben gestandene Erstligaspieler. Wir haben auch hungrige Spieler, die bisher eher in der zweiten Liga aktiv waren. Wir haben sehr viele junge Spieler, die ehrgeizig sind und den Sprung schaffen wollen. Das ist eine sehr gute Mischung. Deswegen bin ich äußerst zufrieden. Wir haben in der Startelf, auf der Bank, im Kader und selbst bei den Spielern, die nicht jede Woche dabei sein können Qualität, Spiele entscheiden zu können. Und jeder spürt auch den Konkurrenzdruck, die vorgegebenen Aufgaben erfüllen zu müssen, weil ein Anderer bereits im Nacken sitzt. Das ist für die Leistungsentwicklung des Einzelnen, sowie der gesamten Mannschaft, doch nur positiv.

Wie wichtig ist für Sie der Verbleib von Salif Sane?

Wir sind ja immer davon ausgegangen, dass er bei uns bleibt. Salif ist ein sehr guter und wichtiger Spieler für diese Mannschaft. Auch bei den Fans und in ganz Hannover genießt er ein hohes Ansehen. Ich bin froh, dass ich jetzt nicht mehr jede Woche Fragen zu seiner Zukunft beantworten muss (lacht). Für uns stand ja fest, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen wollen. Ich konnte mich immer auf Salif verlassen.

Sie haben mit Stefan Strandberg einen norwegischen Nationalspieler für die Innenverteidigung verpflichtet. Ist das für Sane eine Chance, im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden zu können?

Ich möchte das nicht ausschließen. Seit ich hier Trainer bin, ist er jedenfalls Innenverteidiger. Er kann beide Positionen gut spielen. Deswegen könnte er durchaus auch auf der Sechs zum Einsatz kommen. Aus meiner Sicht ist er als Innenverteidiger noch stärker.

Waldemar Anton ist frisch gebackener U21-Nationalspieler. Wie erklären Sie ihm die neue Konkurrenzsituation? Hilft es dabei, dass Sie ihn schon aus der Jugend kennen?

Es ist für uns beide zumindest kein Nachteil (lacht). Ich weiß, was er zu leisten vermag und kann mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Dieses Vertrauen ist enorm wichtig, damit ein Spieler auch seine Leistung abrufen kann. Seit Berlin hat man gesehen, dass er eine Qualität hat, die uns nach vorne bringt.

"Es war immer mein Traum, in der Nationalmannschaft zu spielen", sagte Waldemar Anton nach seinem U21-Debüt. Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images.

„Es war immer mein Traum, in der Nationalmannschaft zu spielen“, sagte Waldemar Anton nach seinem U21-Debüt. Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images.

Sie lassen sehr offensiv spielen. Können Ihre Offensivspieler dabei von Ihrer Erfahrung als ehemaliger Stürmer profitieren?

Ich versuche mit allen Spielern viel zu sprechen. Aufgrund meiner Vergangenheit kann ich mich natürlich in die Stürmer hineinversetzen. Von der Öffentlichkeit wird nur bewertet, ob ein Stürmer getroffen hat. Wie viel er für die Mannschaft gearbeitet hat und ob er das, was ich von ihm verlangt habe, umgesetzt hat, bleibt dabei außen vor. Ich setze an die Offensive andere Bewertungsmaßstäbe an. Diese beinhalten ebenso die Defensivleistung.

Merkt man das auch in der täglichen Trainingsarbeit?

Wenn wir Offensive und Defensive getrennt trainieren lassen, teile ich mich schon eher den Offensivspielern zu.

Unter Ralf Rangknick stieg 96 2002 in die Bundesliga auf und sicherte schien der ersten Saison den Klassenerhalt. Foto: Oliver Weiken/Bongarts/Getty Images.

Unter Ralf Rangknick stieg 96 2002 in die Bundesliga auf und sicherte schien der ersten Saison den Klassenerhalt. Foto: Oliver Weiken/Bongarts/Getty Images.

Haben Sie ein besonderes Vorbild als Trainer?

Ich habe von jedem meiner Trainer etwas mitgenommen. Ob von Ewald Lienen, oder auch ein Branko Ivankovic, die ich hier in Hannover erlebt habe. Oder von Wolfgang Rolff, letztes Jahr hier Co-Trainer unter Thomas Schaaf, meinem Trainer beim SV Meppen. Ich stelle eine hohe Anforderung an die Bereitschaft eines jeden Einzelnen. Ich erwarte Zweikampfbereitschaft, Laufbereitschaft, Aggressivität. Zusätzlich dazu ist Freude und Spaß am Spiel enorm wichtig. In dieser Hinsicht spielen meine Erfahrungen unter Ralf Rangnick eine große Rolle, weil er es geschafft hat, seine Inhalte und die Freude am Spiel zu vermitteln. Das versuche ich auch.

Ihre Ziele sind klar: Sie wollen mit der Mannschaft aufsteigen. Für viele Fans zählt noch mehr: Zwei Derbysiege. Sie haben als Profi schon ein Derby gespielt. Hilft Ihnen diese Erfahrung, Ihre Mannschaft auf diese besonderen Spiele vorzubereiten?

Ich weiß um die Bedeutung der Spiele für die Fans. Für uns gibt es da jeweils drei Punkte, die wir auch in diesen Spielen haben wollen. Ich erwarte, dass meine Mannschaft – auch im Training – immer alles gibt. Deswegen erwarte ich auch in diesen Spielen, alles rauszuhauen. Noch steht diese Begegnung allerdings nicht in unserem Fokus. Ich sagte ja schon, dass immer das kommende Spiel das Entscheidende ist.

Wenn wir uns in einem Jahr erneut treffen: Wo sind Sie dann? Und sind Sie dann noch Trainer von Hannover 96?

Da wollen wir wieder in der ersten Liga spielen. Das ist unsere eigene Erwartung. Es gibt keine Garantien. Aber ich kann versprechen, dass wir alles dafür tun werden, um unsere Ziele zu erreichen. Wenn dann auch noch das nötige Quäntchen Glück hinzukommt, werden wir da über den Erstligisten Hannover 96 sprechen, mit mir als Trainer.

Herr Stendel, vielen Dank für das angenehme Gespräch.

 

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