Der SV Werder zu Gast im Niedersachsenstadion


Beitrag von Werder-Fan von Twitter-User @Ghost7


Ausgangsposition:
Werder: 7 Punkte, 7:12 Tore, Platz 13
96: 2 Punkte, 6:16 Tore, Platz 18

96 holte aus den letzten drei Spielen gerade einmal einen Punkt, Werder gleich gar keinen. Sollte jemand angesichts dieser Zahlen spontan beschließen, am Samstag doch lieber ins Kino zu gehen, kann ich es demjenigen nicht einmal wirklich verübeln. Keines der beiden Teams konnte in der laufenden Saison eine tiefergehende Freundschaft mit dem Ball schließen oder so etwas wie ein Offensivspektakel auch nur ansatzweise bieten. Wir sollten uns also auf ein zerfahrenes Spiel einstellen, an dem Fußballfeinschmecker keine wirkliche Freude haben werden.

An alle anderen, die entschlossen sind, auch diese Partie durchzustehen: schön, dass Ihr diesen Text immer noch lest!

Hier kommt die Sicht auf die Partie aus dem Gästeblock.

Die Stimmung geht zum Lachen in den Keller

Weder Werder noch 96 können von sich behaupten, derzeit die Stimmungshochburg der Liga zu sein. Bei den Roten konnte zwar jüngst die Verpflichtung von Bader als neuem Geschäftsführer bekannt gegeben werden, auf das Sportliche hat diese Personalie jedoch keinen direkten Einfluss. Der Kader ist ähnlich dünn besetzt wie der der Werderaner, zudem wird immer noch nach einem neuen Sportdirektor gesucht. Ex-Werderaner Borowski soll zum Kreis der heißen Kandidaten zählen, der ebenfalls umworbene Rouven Schröder erteilte Kind in der Presse zum bereits dritten Mal eine Abfuhr. Der Fußball, den die Mannschaft auf den Platz bringt, machte den Fans nur wenig Freude.

Ähnlich sieht es bei Werder aus. Nachdem nach der guten Vorbereitung schon so etwas wie Euphorie aufgekommen war, wurde dieser Lauf durch den unrühmlichen Abgang von di Santo (zu diesem Zeitpunkt noch 0 Tore für den neuen Arbeitgeber) unterbrochen. Der holprige Saisonstart tat sein Übriges. Neuen Glanz ins Weserstadion brachte die Verpflichtung von Pizarro und nach dem Sieg in Hoffenheim keimte kurzfristig Hoffnung auf den Europapokal auf, auch befeuert durch Pizarro selbst. Nach der furchtbaren englischen Woche mit drei Niederlagen in sieben Tagen ist davon allerdings nichts mehr zu spüren. Vielmehr geht wieder die Angst um, auch in dieser Saison in den Abstiegskampf zu geraten.

Osterdeich, wir haben ein Problem!

Schon nach sieben Spieltagen macht sich bei Werder die unausgewogene Kaderzusammenstellung als Hauptproblem bemerkbar. Gerade einmal 15 Spieler mit wirklicher Bundesligaerfahrung stehen Skripnik zur Verfügung, einer davon fällt mit Wolf auch noch dauerhaft aus. Dazu kommen Jóhannsson, Spitzname „Kevin Bacon“, der sich sichtlich noch an die Spielweise in der Buli gewöhnen muss und Nachwuchstalente, die zwischen dem Profikader der 1. Liga und der U23 (und somit der 3. Liga) hin und her pendeln. Gerade das ist ein Kritikpunkt an der bisherigen Arbeit von Skripnik in der laufenden Saison. Wurde in der Vorbereitung noch der Aufbau und die Integration von Jugendspielern als neuer „Werder Weg“ ausgerufen, ist bisher nichts mehr davon zu sehen. Die Talente werden in den Kader berufen, spielen vielleicht auch ein paar Minuten auf dem Platz, um dann direkt wieder zurück zur U23 geschickt zu werden. Eine durchgehen Linie ist nicht erkennbar und so konnte sich keiner der Nachwuchsspieler als Alternative für die Buli etablieren.

Was dringend notwendig wäre, wenn man die Schwäche der „B-Elf“ bedenkt. Für die meisten Positionen steht kein adäquater Ersatz zur Verfügung. Im Tor ist man mit Wiedwald gut aufgestellt, der bis auf eine Partie durchweg gute Leistungen zeigte, die seinen Status als Nummer 1 mehr als rechtfertigen. Für die Nummer 2 denkt Eichin nach der erneuten Verletzung von Wolf laut über eine Verpflichtung eines vereinslosen Torhüters, genannt wurden die Namen Heinz Müller und Timo Hildebrand, nach. Zetterer, der derzeit auf der Bank sitzt, soll so wieder mehr Spielpraxis in der 3. Liga ermöglicht werden.

In der Abwehr sind Gebre Selassie als RV und der neue Abwehrchef Vestergaard in der IV gesetzt, auf der linken Seite ist man mit den beiden Garcias im Rahmen der Möglichkeiten ausreichend besetzt. Kummer macht die Position des zweiten IV, auf der Lukimya nach einem starken Saisonbeginn genauso stark nachließ. Galvez, der mit körperlichem Rückstand aus dem Sommerurlaub kam, sollte langsam wieder eine Alternative für die Startelf sein. In der letzten Saison bildeten Vestergaard und Galvez noch ein verlässliches Duo. Pavlovic spielt weiterhin in den Planungen keine Rolle.

Im Mittelfeld zeigt der Kader die deutlichsten Schwächen. Bargfrede ist als einziger 6er gesetzt, ist jedoch verletzungsanfällig und handelte sich nach einem groben Foul auch noch eine Sperre ein. Weder Kroos noch Galvez können ihn adäquat ersetzen, Kroos versagte zusätzlich auch noch als Elfmeterschütze. Auf der 8 spielten zuletzt Ulisses Garcia, der jedoch auch verletzungsbedingt ausfiel, und der für die Startelf gesetzte Kapitän Fritz. Ein 10er fehlt dem Kader völlig. Weder Junuzovic, der im letzten Spiel auf die Position von U. Garcia rückte, noch Bartels, Öztunali, Eggestein, Grillitsch oder gar Pizarro erwiesen sich als Idealbesetzung. Aycicek, der die 10 auf dem Trikot trägt, kam in dieser Saison nur in der 3. Liga zum Einsatz. Als Alternativen aus der U23 stehen im Mittelfeld außerdem Sternberg, Fröde, van Haacke und Zander zur Verfügung. Sternberg und Zander sind allerdings gelernte Abwehrspieler. Vor Ende der Transferphase wurden Elia, Makiadi und Hajrovic noch abgegeben.

Im Sturm wurde das geplante Angriffsduo Ujah und di Santo durch einen Abgang auf die unfeine Art des letztgenannten vor Saisonstart auseinander gerissen. Als Ersatz kam Aron Jóhannsson aus der belgischen Liga an die Weser, der sich noch im Team und der Liga einfinden muss, aber immerhin schon zwei Saisontore, davon ein Elfmeter, erzielen konnte. Für den endgültig nach Freiburg abgegebenen Petersen wurde zunächst kein Ersatz geholt. Das Comeback von Melvyn Lorenzen, der für den Bundesligakader eingeplant war, nimmt doch mehr Zeit als gedacht in Anspruch. Er wird zurzeit in der 3. Liga wieder an die Mannschaft heran geführt, wurde aber nach einem Verstoß gegen die internen Richtlinien von Trainer Nouri für das Spiel gegen Erfurt suspendiert. Nach Ende der Transferphase stieß der vertragslose Claudio Pizarro zum Team. Für den Peruaner ist es das dritte Gastspiel an der Weser. Neben seiner Erfahrung, die er an das Team weitergibt, ist sein Name vor allem mit der Hoffnung auf besseren Fußball verbunden. Schon bei seiner Ankunft am Flughafen wurde er gefeiert. Jedoch ist er bei Einsätzen von 20 bis 30 Minuten, in denen er Schwung ins Spiel bringen kann, wertvoller für die Mannschaft als bei Einsätzen über die volle Spielzeit.

Vor allem im taktischen Bereich zeigen sich erhebliche Mängel. Trainerteam und Mannschaft traten phasenweise einfach zu naiv auf, um auf Bundesliganiveau bestehen zu können. Das von Skripnik bevorzugte 4-4-2 System funktioniert mit dem zur Verfügung stehenden Kader in keiner Mittelfeldformation. Weder die Raute, noch flachere Varianten mit Doppel-6 brachten die gewünschte Stabilität ins Spiel. Es fehlt die Alternative zu Bargfrede auf der 6, der mit Kroos, Galvez oder Fritz nur unterschiedlich schlecht ersetzt werden kann. Für die anspruchsvolle Position auf der 10 konnte sich gleich kein Spieler empfehlen. Junuzovic kann seine Stärken besser auf der Halbposition ausspielen, das gleiche gilt für Bartels, der weder als 10er noch als hängende Spitze eine gute Figur machte. Zwischen Abwehr und Mittelfeld klaffen oft große Lücken, die vor allem in der Rückwärtsbewegung zu Fehlern und Gegentoren führen. Die Abstimmung zwischen den MF-Spielern funktioniert oft nicht, besonders Kroos und Fritz zeichnen sich hier negativ aus. Häufig stehen sie falsch zu ihren Gegenspielern und antizipieren Situationen oft zu spät oder gar nicht. Auch in der Kommunikation auf dem Platz zeigen sich erhebliche Defizite. Die Spieler sprechen nicht genug miteinander. Durch bessere Verständigung auf dem Platz könnten Ballverluste vermieden werden. Das Kreativspiel nach vorne fand in den letzten Spielen kaum noch statt. Die Halbfeldflanken und langen Bälle, mit denen die Mannschaft wenig kreativ operiert, sind für die gegnerische Abwehr zu leicht auszurechnen. Nur ein Tor fiel nach einer sehenswerten Kombination. Eine Spielidee oder auch nur eingeübte taktische Grundausrichtung geht dem Team völlig ab.

Bei seinen Einwechslungen im Spiel bewies Skripnik alles andere als ein „goldenes Händchen“. Spielerwechsel erfolgten zum falschen Zeitpunkt, besonders bei Pizarro, der wechselnd zu spät oder zu früh ins Spiel genommen wurde. Statt Offensivdrang zu erzeugen warfen die Wechsel die Taktik sogar durcheinander, was zu Gegentreffern führte. Nur in Hoffenheim wurde ein Tor eingewechselt.

Ein probates Mittel in dieser Situation könnte es sein, aus einem kompakten System heraus über den Kampf ins Spiel zu finden. Doch daran hakt es bei Werder. Bei der Laufleistung liegen die Grün-Weißen mit gerade einmal 772 km auf dem 18. und letzten Platz der Liga. Die Spiele, in der man die Partie in Unterzahl beendete, können hier nicht als Entschuldigung herhalten, da die Platzverweise jeweils kurz vor Spielende erfolgten. Gerade eine Mannschaft, die wie Werder meist wenig mit dem Ball anzufangen weiß, könnte diese Schwäche durch das Fressen von Kilometern und damit durch das Zulaufen von Passwegen des Gegners zumindest in Teilen ausgleichen. Doch viele Laufwege werden erst gar nicht oder viel zu spät auf sich genommen. Oder man steht gleich so weit vom Gegenspieler weg, dass man nur noch aussichtslos hinterher trabt. Gegen Leverkusen stehen zwar 47% gewonnene Zweikämpfe in der Statistik, jedoch zeigt sich hier auch die Schwäche statistischer Erhebungen. Nicht erfasst werden Zweikämpfe, die gar nicht erst stattgefunden haben, weil Spieler zu weit weg von ihren Gegenspielern standen. Würden diese eigentlich notwendigen „Nicht-Zweikämpfe“ mit berechnet werden, wäre der Wert der gewonnen Zweikämpfe gegen Leverkusen wohl deutlich niedriger ausgefallen.

Zusammen mit der fehlenden Ballsicherheit – der Ball muss sich oft fühlen wie mit der Drahtbürste gestreichelt – und der daraus resultierenden Passunsicherheit bildet die Lauffaulheit eine fatale Kombination, die jeden Anflug von Spielaufbau im Keim erstickt. Schon in der Abwehr wird der Ball mit einem langen Pass in den ganz leeren Raum meist schnell wieder verloren. Über das statische Mittelfeld wird er nur durch Zufälle nach vorne getragen. Die Angriffsspieler hängen, von ihren Kollegen im Stich gelassen, in der Luft.

Hier könnte die Stärke bei Standards, die Werder in der vergangenen Saison zeigte, der Schlüssel zu 3 Punkten in Hannover sein. Zumal die Verteidigung gegen Standards die große Schwäche von 96 ist. Zieler macht mehrmals bei Freistößen eine schlechte Figur. Mal wurde er auf dem falschen Fuß erwischt, mal ließ ihn die von ihm aufgestellte Mauer im Stich. Junuzovic weiß wie es geht: bei den letzten beiden Aufeinandertreffen gelang ihm jeweils mit einem direkt verwandelten Freistoß ein Treffer gegen Zieler. Allerdings hat der österreichische Nationalspieler in dieser Saison noch nicht das passende Freistoßschuhwerk gefunden: seine Freistöße landeten meist in der Mauer.

Holzwürmer im Trainerstuhl

Trotz ähnlicher Vorzeichen gehen die beiden Trainer mit einer unterschiedlichen Stimmung in das Spiel. Frontzeck machte schon vor dem unerwarteten Punkt gegen Wolfsburg den Eindruck eines Trainers, der sich nach dem Ärger der vergangenen Wochen, in denen er zunehmend genervter wirkte und wortkarger wurde, mit dem Unvermeidbaren abgefunden hat und der wahrscheinlich baldigen Entlassung inzwischen gelassen entgegen sieht. Finanziell hat sich das Engagement bei den Roten in jedem Fall für ihn gelohnt und es gibt schlimmere Aussichten, als die, sich nicht weiter mit den internen Grabenkämpfen an der Leine befassen zu müssen.

Skripnik weht hingegen ein zunehmend ungemütlicher Wind an der Weser entgegen. Nachdem die englische Horrorwoche mit 0 Punkten aus der Vorsaison, damals noch mit dem Trainer Dutt, unter Skripnik für alle unangenehm überraschend wiederholt werden konnte, ist es mit der Wohlfühlatmosphäre erst einmal vorbei. Was auch immer Skripnik seiner Mannschaft nach der Niederlage gegen Leverkusen zu sagen hatte, es wird laut geworden sein in der Kabine. 4 Punkte wären aus den drei Spielen gegen Darmstadt, Ingolstadt und Leverkusen das Minimum für das Erreichen des angepeilten Saisonziels – eine Saison ohne akutem Abstiegskampf – gewesen. Nach den drei, durchaus verdienten, Niederlagen in Folge steht das Team bereits jetzt wieder mit dem Rücken zur Wand.

Probleme macht Skripnik verstärkt die Disziplinlosigkeit seiner Mannschaft. Bargfrede und Bartels handelten sich völlig unnötige Platzverweise ein weil sie ihre Nerven nicht im Griff hatten. Galvez und Bartels legten eine lasche Laissez-faire Einstellung an den Tag. Es fehlt taktische Disziplin auf dem Platz und einige Spieler, vor allem Bartels, Kroos und Lukimya, haben Probleme damit, sich über die volle Spielzeit zu konzentrieren.

Dass die Kritik aus den Fanreihen gegenüber Skripnik noch nicht lauter zu vernehmen ist verdankt der Trainer in erster Linie seiner gemeinsamen Geschichte mit Werder. Als einer der Doublehelden genießt er bei den Fans weiterhin einen exzellenten Ruf. Auch, dass er die Mannschaft mit einer starken Serie in der vergangenen Saison vor dem Abstieg bewahrte, lässt die Waage noch zu seinen Gunsten auspendeln. Doch das könnte sich schon mit einer Niederlage gegen 96 ändern. Aus den nächsten Spielen gegen Bayern, Mainz und Dortmund ist nicht viel mehr als ein Auswärtspunkt in Mainz zu erwarten. Gut möglich, dass man schon nach dem 11. Spieltag im Tabellenkeller landen könnte. Anders als die Fans bringt die sportliche Führung Skripnik keine nostalgischen Gefühle entgegen. Eichin und Filbry, die in der Vergangenheit öfter mit den eigenen Fans fremdelten, haben keine Werder-DNA und wurden in erster Linie geholt um mit den Altlasten aus der Allofs-Ära aufzuräumen. Ihnen würde eine Trennung von Skripnik weniger wehtun als den Treuen auf der Osttribüne. Auch soll der Aufsichtsrat die Beförderung gegen den Willen von Eichin durchgesetzt haben, der eine Verpflichtung von Markus Babbel (ein Trainer, von dem Fans träumen – und schreiend aufwachen) bevorzugt haben soll. Wie auch immer es um das Verhältnis von Skripnik und Eichin bestellt sein mag, am Ende entscheiden harte Fakten in Form von Ergebnissen in der Bundesliga und im Pokal darüber, wie lange Skripnik noch auf der Bank im Oberhaus sitzen wird.

Ich traue Skripnik auch durchaus zu, das Rückgrat zu haben, von sich aus um eine Rückversetzung zur U23 zu bitten, wenn er nicht mehr das Gefühl hat, das Ruder noch erfolgreich herumreißen zu können. Dort könnte er seine für Werder wichtige Arbeit mit Werders Fußballnachwuchs fortsetzen und beide Seiten, Trainer und Geschäftsführer, würden dabei ihr Gesicht wahren.

@Ghost_7

Statistikquellen:

Link zu Welt.de
Link zu Bundesliga.de

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