„Dirk Zingler ist der Gegenentwurf zu Martin Kind“ – Das Faninterview vor dem 96-Gastspiel bei Union Berlin


Hannover – Am Sonntag kommt es zum Topspiel der 2. Bundesliga. Union Berlin empfängt als Sechster den Zweiten aus Hannover. Grund genug, um über die Partie gebührend zu sprechen. Das tun wir mit Buzzfeed-Autor und Textilvergehen-Blogger, Sebastian Fiebrig. Sein Credo: Union ist der Favorit.

BMAchen ihr Stadion seit fast einem Jahr zur Festung: Fans des 1. FC Union Berlin. Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

BMAchen ihr Stadion seit fast einem Jahr zur Festung: Fans des 1. FC Union Berlin. Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

Sebastian, stell Dich doch bitte unseren Lesern einmal vor.

Ich heiße Sebastian Fiebrig, lebe in Berlin und blogge seit 2009 bei „Textilvergehen“, einem Blog über Union Berlin. Ich habe früher als Sportjournalist über Hertha und Union berichtet und kann davon nicht lassen.  Außerdem bin ich  Redakteur bei „BuzzFeed“, einer 2006 in Amerika neu entdeckten Form des Journalismus als Mischung aus Ticker, Blog und Online-Magazin. Seit mehr als zwanzig Jahren besuche ich die Spiele von Union. Ein unvergessliches Spiel ist dabei das DFB-Pokalhalbfinale 2000/2001 gegen Borussia Mönchengladbach. Wir zogen als Drittligist durch ein 6:4 nach Elfmeterschießen sensationell ins Finale ein. Der Platz war eigentlich nicht bespielbar. Ich habe damals Uni geschwänzt, um mit anderen Fans den Platz vom Schnee zu befreien. Tatsächlich wurde der Platz vom Schiedsrichter als bespielbar freigegeben. Das verstehe ich bis heute nicht (lacht). Legendär war auch der Radiokommentar zum Elfmeterschießen: Der Schiedsrichter zeigt den Spielern, wo sich ungefähr der Elfmeterpunkt befindet.

Was verbindest Du mit dem Gedanken an Spiele gegen Hannover 96?

Da gab es bisher drei Spiele. Das allererste Zweitligaspiel von Union war gegen 96. Am 30. Juli 2001 gab es ein 1:1 und ich dachte: Wenn alle Zweitligaspiele so sind, dann wird das eine ganz tolle Saison. Ich war auch beim Rückspiel in Hannover. Damals war das Stadion noch nicht umgebaut und wirkte mit der niedrigeren Haupttribüne halb wie ein großes, halb wie ein kleines Stadion. Dann gab es aber noch ein Spiel. Ein Testspiel im Winter 2010. Hannover verlor das Spiel mit 1:2 und Jörg Schmadtke (seinerzeit Geschäftsführer Sport von Hannover 96, Anm. d. Red.) hinterher seine Nerven. Wir hatten damals noch Umkleidecontainer. Das war ein Dauerprovisorium über 20 Jahre. Und er wusste nicht, dass man draußen alles hören konnte, was drin gesagt wird. Er brüllte vor sich hin und die Journalisten schrieben fleißig mit. (Der Wortlaut der Wutrede lautete: Das hat kein Niveau. Das ist Betriebssport. Ich kann da bis auf zwei, drei Ausnahmen die ganze Reihe durchgehen, Anm. d. Red.)

Was ist an Union Berlin besonders?

Zunächst ist unser Präsident kein gewöhnlicher Präsident. Der ist Fan und stand früher in der Kurve. Damit ist er so etwas wie der Gegenentwurf von Martin Kind. Es war nicht sein Ziel, Präsident zu werden. Er ist Unternehmer und wurde dadurch Vorstandsvorsitzender des Vereins Wirtschaftsrat 1. FC Union e.V.. Union versank vor elf Jahren mehr oder weniger im Chaos und in der Zeit wurde Dirk Zingler Präsident. Und ich kann mir Union ohne ihn nicht vorstellen. Er kann zwar knallharte Business-Entscheidungen treffen, sorgt dann aber beim Stadionneubau für ein einzigartiges Stadion. Er hat sich hingestellt und wollte die Fankultur im Stadion erhalten. Deswegen besteht fast das ganze Stadion nur aus Stehplätzen (18.395 von insgesamt 22.012 Plätzen, Anm. d. Red.). Das ist nicht selbstverständlich. Beim Bau hat man sich dann finanziell nicht überhoben. Auch Dank Hilfe der Fans. Mehr als 2.000 freiwillige Helfer, leisteten 140.000 kostenlose Arbeitsstunden. Das hat dem Verein Millionen gespart.

Vor der Saison wurde Jens Keller als neuer Trainer vorgestellt. Eine gute Entscheidung?

Bei seiner Verpflichtung habe ich weder gejubelt, noch war ich völlig enttäuscht. Für eine Konsolidierung hielt ich ihn für nicht schlecht. Und die war nötig. Nach dem Abgang von Uwe Neuhaus, der sieben Jahre Trainer war (2007 – 2014, Anm. d. Red.), befand sich Union zwei Mal im Umbruch: Norbert Düwel (2010 – 2013 Co-Trainer Hannover 96, Anm. d. Red.) scheiterte kommunikativ. Nachfolger Sascha Lewandowski schied mit Burnout aus. Und beide haben mit ihren ausgeklügelten Taktiken die Zweitligaspieler überfordert. Gejubelt habe ich dennoch nicht, weil ich bei seiner Verpflichtung noch nicht wusste, welche Art von Fußball Jens Keller spielen lassen wird.

Welche Art Fußball lässt er spielen? Worauf muss sich Hannover 96 einstellen?

Auf eine läuferisch starke Mannschaft. Jens Keller achtet sehr auf Physis. Außerdem lässt die Mannschaft dem Gegner nicht viel Zeit. Bei gegnerischem Ballbesitz wird von Anfang bis Ende gnadenlos angelaufen. Und das Zentrum ist bei Union extrem passsicher.

Vor allem durch Felix Kroos?

Er ist jetzt Kapitän, was mich überrascht hat. Und ist auf jeden Fall jemand, der im Mittelfeld für Passsicherheit sorgt. Ich freue mich, dass er dabei ist. Von seiner Qualität her verkörpert er gehobenes Zweitligaformat. Ein Manko ist aber seine Verletzungsanfälligkeit.

Mit Collin Quaner spielt der aktuell Führende der Torschützenliste im Sturm.

Und straft mich damit lügen. Ich hätte ihm einen Wechsel nahegelegt. Für mich war er nach einer schwachen letzten Saison abgeschrieben und nur Nummer vier im Sturm. Ich habe Neuzugang Philipp Hosiner, Steven Skrzybski und Sören Brandy deutlich vor ihm gesehen. Und kann jetzt offiziell zugeben, keine Ahnung von Fußball zu haben (lacht).

Mit 14 Punkten steht Union auf Platz Sechs der Tabelle. Lohnt sich da nach acht Spieltagen ein Blick auf die Tabelle?

Ich schaue nur deswegen auf die Tabelle, weil ich Union gern in der Spitzengruppe sehe. Man muss sehen, wofür es am Ende reicht. Der Präsident möchte mittelfristig unter die Top 20 in Deutschland. Da ist es dann schon ein Muss oben mitzuspielen. Wenn dabei Platz zwei oder drei rausspringt, ist das wunderbar. Wird man Vierter oder Fünfter, greift man nächstes Jahr wieder an.

Das heißt man will hoch in der alten Försterei?

Ich glaube, das will jeder. Auch wenn man sich in der zweiten Liga wohlfühlt, will man sportlich so hoch spielen wie es möglich ist. Man kann ja mal ein Jahr auf Urlaub in die Bundesliga gehen (lacht).

Wie geht es eigentlich Emanuel Pogatetz?

Er hat in der vergangenen Rückrunde unsere Defensive stabilisiert. Jetzt ist er aber nur noch Innenverteidiger Nummer vier. Für ihn ist das glaube ich aber völlig OK. Er könnte aber jederzeit eingreifen. Seine Zeit wird kommen. (Hier geht es zum Exklusivinterview mit dem beinharten Verteidiger, Anm. d. Red.)

Wie siehst Du Hannover 96? Hast Du mit der schnellen Eingewöhnung an die 2. Bundesliga gerechnet?

Mich hat das ein wenig überrascht. Ich habe mir das schwer vorstellen können. Ich habe mit mehr Anpassungsschwierigkeiten gerechnet. Dass sie klarer Aufstiegsfavorit sind, überrascht mich nicht. Aber, dass 96 das so schnell zeigen kann.

Wie geht das Spiel aus? Dein Tipp, bitte.

Ein Sieg gegen Hannover würde viel bedeuten. Für mich ist Union der Favorit und gewinnt 2:0. Dennoch wird Hannover Braunschweig schnell einholen.

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