Dirk Tietenberg von der Neuen Presse im großen Interview


Vor dem Hamburgspiel, hatte Tobias von thewalkingred.de die Gelegenheit, sich mit Dirk Tietenberg aus der Sportredaktion der Neuen Presse zu treffen.

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„Nazis haben mich verprügelt. Ich habe danach meine Karriere beenden müssen.“

Lieber Dirk, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Du hast bis zur A-Jugend bei der Fortuna aus Düsseldorf als Libero gespielt. Warum bist du nicht Profi geworden?

Ich wollte deutlich Profi werden. Ich war aber erstens nicht gut genug und zweitens in der Phase, wo es wichtig gewesen wäre zur Verfügung zu stehen, bin ich ausgefallen. Ich vergleiche das gern mit Karsten Hutwelker (Anmerkung thewalkingred: Profi u.a. in Düsseldorf, Wuppertal, Bochum, Florenz). Wir beide haben in einem Jahrgang gespielt, waren gleich ehrgeizig und in etwa gleich gut. Er war aber egoistischer. Und ich wurde, als es ins zweite A-Jugend-Jahr ging, am Kopf verletzt und konnte weder trainieren, noch spielen. Ich bin jedes Mal umgekippt. Nazis hatten mich zusammengeschlagen. Ich habe dadurch meine Karriere beenden müssen. Das ist nicht Okay und wird nie Okay sein. Es wäre aus mir wohl kein Profi geworden, ich hätte aber meine Studienzeit sicher mit Fußball finanzieren können. Bundesligaprofi wäre ich dennoch nicht geworden.

Jörg Schmadtke war während deiner Zeit bei Fortuna kurz dein Trainer. Hat er sich daran erinnert, als er hier Sportdirektor wurde und hattet ihr dadurch ein besonderes Verhältnis?

Er hat sich nicht mehr an mich erinnert. Er hat bei meiner Mannschaft damals auch nur ausgeholfen als Trainer. Er war damals ein junger Profi und C-II-Trainer, ich hab in der C I gespielt. Unser Trainer, Ali Höfer, wurde krank und Schmadtke hat uns trainiert. Wir wussten, dass er ein Profispieler ist, aber wir wussten nicht, dass er auch ein so engagierter Trainer ist. Er hat alle Übungen perfekter ausgeführt als wir. Gerade deswegen kann ich mich so gut daran erinnern, weil unser Trainer nicht so gut Fußball spielen konnte. Als er nach Hannover kam, hab ich ihn nach einiger Zeit gefragt, ob er sich an mich erinnert. Ich sagte ja schon, dass er sich nicht erinnert hat, aber an die Jungs aus seiner eigentlichen Mannschaft konnte er sich erinnern. Unser Verhältnis lässt sich als ganz angenehme, freundschaftliche Distanz beschreiben.


 

Zur Person Dirk Tietenberg: 1971 geboren in Monheim am Rhein
1973 Umzug nach Düsseldorf
1990 Abitur mit 1,7
1992-2000 Studium (Neuere Geschichte, Medienwissenschaften, Ältere Geschichte Note: 1,8)

1996-2000 freier Mitarbeiter „Rheinische Post“
12/00-04/01 Redakteur „Der Ratinger“
04/01-03/03 Volontär Sport Informations Dienst (sid)
05/02-07/08 Redakteur „Libelle – Magazin für Leute mit Kindern“
04/03-12/04 Redakteur sid
seit Juli 2008 Sportredakteur „Neue Presse Hannover“
Hobby: Fußball „Ich kann alles spielen“


Er galt als sehr knurrig.

Das war er auch. Auch mir gegenüber. Immer dann, wenn ihm etwas auf die Nerven ging. Er ist immer ans Telefon gegangen – so sehr ihn der Anruf auch genervt hat. Er hat klar gesagt, was er von einem hält, was er von Artikeln hält. Er hat sich aber auch angehört, warum man eine gewisse Meinung vertritt. Dem Knurrigen setze er auch immer eine Art Humor entgegen, die mir Spaß gemacht hat. 

Hast du noch Kontakt zu ihm?

Selten. Er ist nach Köln gegangen, das habe ich ihm persönlich übel genommen (lacht). Das habe ich ihm auch so gesagt. Düsseldorf und Köln ist aber nicht vergleichbar mit Hannover – Braunschweig. Als Rheinländer es ist die Hauptsache, im Rheinland zu bleiben. Hier ist das ja nicht so witzig.

„Diese Art von Feindschaft hat mich erschrocken!“

Wie war deine erste Berührung mit der Rivalität zwischen Braunschweig und Hannover? Wirklich erst in dem Bundesligajahr der Eintracht?

Ich habe mich erschrocken. Diese Art von Feindschaft kannte ich nicht und ich versuche es auch nicht mehr zu verstehen. Das ist deutlich drüber.

Aufgrund der Vorkommnisse im Derbyhinspiel gab es Sanktionen gegen die hannoverschen Fans, die nach Braunschweig mitfahren wollten. Es war nur möglich per kontrollierter Busanreise zu dem Spiel zu kommen. Konntest du diese Maßnahme nachvollziehen?

Ich fand das nicht gut. Ich finde, entweder gibt es ein Fußballspiel mit Fans, oder es gibt ein Fußballspiel ohne Fans. Die vom Land Niedersachsen und der Polizei gegenüber 96 vorgeschlagene Halblösung war falsch. Es war auch von 96 falsch, diese Lösung zu übernehmen.

Die kontrollierte Anreise nach Braunschweig ist, wenn man weiß wie Fans, die Randale suchen, zu diesen Spielen hinfahren, überhaupt nicht hilfreich. Wenn sich Leute zum Prügeln verabreden, dann machen die das. Das haben wir auch beim Gastspiel der Frankfurter letztes Wochenende gesehen. 

Wann man das verhindern möchte, schafft man das nicht durch Teilmaßnahmen. Das schafft man durch Geisterspiele, neutrale Spielorte oder durch eine Unaufgeregtheit im Vorfeld und am Spieltag: Man lässt einfach alle rein und kümmert sich nur darum, was im Stadion passiert. Man kann ja durchaus mal bei Schalke und Dortmund nachfragen. Am Ende stand 96 da als ein Verein, der seine Fans verprellt. Dass es dann bis vor Gericht geht, sind spontane Reaktionen. Man hat 96  in eine Situation gebracht, die nicht gelöst werden konnte, dadurch ist 96 aber nicht aus der Verantwortung.

Gerade die gerichtliche Auseinandersetzung mit den Auswärtsdauerkarteninhabern hat ja zu einem Bruch zwischen der Fanszene und Hannover 96 geführt, da 96 gerichtlich zunächst unterlegen war und durch einen Befangenheitsantrag Aufschub der Vollstreckung erreichen konnte und sich durch diesen Winkelzug aus der Affäre gezogen hat.

Mittlerweile ist es geklärt, das muss man vorweg sagen. Von Winkelzügen können sich beide Seiten nicht freisprechen. Wenn die Fans versuchen, einen Persilschein für die Auswärtsfahrt zu bekommen, über eine wirklich unterstützenswerte Geschichte, dass ein Junge, der Betreuung braucht, mit seinem Vater frei anreisen kann, dann ist das auch ein Winkelzug. Mir ist der Befangenheitsantrag nachvollziehbar erklärt worden. 

Seit der Haarmann-Fahne ging die Sache weiter und weiter und weiter. Wenn die Fans sich hinstellen und sagen, dass 96 ihnen die Fahrt nach Braunschweig verwehrt ist das ebenso einseitig wie die Aussage, dass Martin Kind Schuld sei am Untergang der Fußballkultur.

Die Fanszene blieb in der vergangenen Saison deswegen den Spielen mit Ausnahme der letzten fünf Spiele fern. Die Stimmung im Stadion hat extrem gelitten. Ich hatte den Eindruck, dass es in der überregionalen Presse thematisiert wurde, hier in Hannover allerdings nicht. Habt ihr bewusst nicht darüber geschrieben?

Da müsste ich jetzt erstmal sehen, wie viele Artikel wir und andere in der Zeit über die Fanszene geschrieben haben. Ich glaube, dass jede Woche im Spielbericht stand, dass eine merkwürdige Stimmung herrschte und bin der Meinung, dass der Trainer Tayfun Korkut mit der Mannschaft und Unterstützung auf den Rängen deutlich erfolgreicher gewesen wäre. 

Je mehr Niederlagen es gab, desto mehr haben sich die Leute nach den Fans zurückgesehnt. Das Stadionerlebnis war einzigartig schlecht. Das ist nicht nur meine Meinung, sondern das kam vor allem von auswärtigen Kollegen. Das war die schlechteste Stimmung in der ganzen Bundesliga.

Gab es Anweisungen an euch, darüber nicht zu berichten?

Nein, die gab es nicht. Definitiv Nein. Es gab Diskussionen innerhalb der Redaktion: „Finden wir das jetzt scheiße, dass die Fanszene wegbleibt und die Stimmung schlecht ist?“ „Finden wir das egal?“ oder „Finden wir, dass die Stimmung gar nicht schlechter ist?“ Wir waren da unterschiedlicher Meinung.

„Man bekommt vielleicht sogar aufs Maul!“

Du bist dann ja kurz vor dem Burgfrieden an die Beeke gefahren und hast den einzigen Artikel in der hannoverschen Presse über die Abgewanderten geschrieben.

Das war viel zu spät im Übrigen. Es hätte von mir früher den Impuls geben müssen, mir das mal anzuschauen. 

Es ging vordergründig um die Frage, ob sich die Anwohner bedroht fühlen, wird wild uriniert, liegen überall leere Bierflaschen, aber mir ging es um etwas anderes. 

Ich muss zugeben, dass ich erst hingegangen bin, als ich merkte, es kippt jetzt, die kehren bald zu den Profis zurück. Und bevor das passiert, wollte ich gerne einmal wissen, was die da eigentlich machen. Ich hab auch vorher den mir bekannten Leuten aus der Szene signalisiert, dass ich kommen werde. Denn ich bin mir als Journalist darüber im Klaren, dass man nicht einfach in eine Fanszene reinstolpern kann und sagen kann: „Ich bin jetzt hier und ich frage euch jetzt, was ihr hier macht.“ Dann bekommt man keine Auskunft, vielleicht sogar eins aufs Maul.

Ist das in deinen Augen eine reelle Gefahr? Ist dir das schon einmal passiert?

Das ist als Journalist eine reelle Gefahr. Mir ist das noch nicht passiert, Nein. Aber nach der Derbyniederlage bin ich der Situation am Zaun ferngeblieben. Da hätte ich als Journalist, der erkannt wird, die Situation nicht einschätzen können. Ich wäre zwar hingegangen, aber es gab eine Alternative.

„Ich bin immer noch froh, dass er es geworden ist.“

Tayfun Korkut wurde fünf Spieltage vor Schluss abgelöst. Was war dein erster Gedanke, als du wusstest, dass Michael Frontzeck sein Nachfolger wird?

Gut, dass er es wird. Ich hatte ihn vorher mal als Sitznachbarn auf der Pressetribüne und wir haben einige nette Gespräche geführt. Er war als Gesprächspartner sehr locker und cool, quasi ruhige Hand (lacht). Das ist auch der Grund, warum ich ihn duze. Dadurch hatte ich persönlich ein ein gutes Gefühl bei ihm, ohne ihn als Trainer vorher erlebt zu haben. 

Wie siehst du Michael Frontzeck nach knapp einem halben Jahr? 

Ich bin immer noch froh, dass er es geworden ist. Er hat 96 die Klasse gehalten und ich glaube nicht, dass das viele geschafft hätten. 

Ich glaube, dass er auch der richtige Trainer vor dieser Saison gewesen wäre, hätte es eine Struktur gegeben, die den Weg hätte vorgeben können. Es gab diese Struktur nicht bei 96. Und da ist Frontzeck als reiner Fußballlehrer nicht der Richtige gewesen, inklusive Transferentscheidungen und inklusive Vorbereitung auf eine Saison ohne Abstiegsangst.

Er redet immer wieder von einem großen Umbruch, den es gegeben haben soll und, dass es Zeit braucht. Folgst du dieser Argumentation?

Das sagt jeder Trainer, der in Schwierigkeiten ist. Kann man ihm nicht vorwerfen, dass er das sagt. Er lacht ja selbst darüber.

Es ist so: Der große Umbruch hat nicht stattgefunden. Man hat Lars Stindl verloren. Ansonsten gab es nichts, wo man sagen müsste, das kann man nicht kompensieren. Es wurden viele Chancen verpasst in der Transferperiode. Die Zeit war kurz, aber lang genug, um eine vernünftige Mannschaft zusammenzustellen. Das ist für mich kein Argument. Ich glaube aber, dass der Trainer das auch weiß.

Die Transferentscheidungen wurden ohne die bei anderen Bundesligisten übliche vernünftige Scoutingabteilung getroffen.

Nehmen wir Uffe Bech, der von Dirk Dufner als zu schwach eingestuft wurde. Warum verpflichtet man ihn dann?

Ich halte Uffe Bech für einen guten Spieler. In dem Spiel, bei dem Dirk Dufner zu Gast war, hat er schlecht gespielt. Aber er hatte gute Serien in Dänemark. Aber, ob er der Spieler ist, der 96 sofort weiterhelfen kann, um mehr Torgefahr über die Außen zu erzeugen, das hat sich bisher nicht gezeigt.

Es ist ja nun auch so, dass man mit der Idee, über die Außen auch mit Felix Klaus über Links torgefährlicher zu werden, irgendwann nicht mehr gearbeitet hat. Ich fand Bech als Transfer okay, Felix Klaus sogar angebracht, da er auf dem Markt war. Es ist für mich bisher nicht nachvollziehbar, warum die beiden nach einer vielversprechenden Vorbereitung plötzlich keine Leistung mehr bringen und man die Idee mit den beiden aufgegeben hat.

„Eine Pressekonferenz dient nicht der Wahrheitsfindung.“

Warum sprichst du so etwas auf Pressekonferenzen nicht an, wenn du ja in einigen Punkten ganz anderer Meinung bist?

Eine Pressekonferenz ist eine Inszenierung. Es ist nicht der Rahmen, um jemanden zu sagen, was man von ihm und seinen Entscheidungen hält. Das ist ein anderer Rahmen, das macht man im persönlichen Gespräch. Die Pressekonferenz ist eine Chance, etwas über das kommende Spiel zu erfahren, wenn man sonst keine Chance bekommt. Von einer Pressekonferenz darf man keine Wahrheitsfindung erwarten.

Erinnere dich mal daran, wie das bei Mirko Slomka war: Man wird von oben abgewatscht, man wird von oben runtergemacht. Wenn ich wirklich von ihm wissen wollte, wie er das nächste Spiel angehen will, dann hab ich ihn so gefragt. Genau das gilt auch für Michael Frontzeck.

Du bist auch heute noch der Fortuna verbunden. Wie war das, bist du Fan gewesen, weil du da gespielt hast?

Ich war erst Fortune und habe dann da gespielt. Fan bin ich vorher geworden. Mein erstes Spiel, das ich von der Fortuna gesehen habe, war das 7:1 gegen Bayern München am 09.12.1978. Ich habe auch Geld verdient damit. Einer der Stammgäste meines Vaters hat zu mir gesagt: „Für jedes Tor der Fortuna kriegst du einen Heiermann (Anmerkung thewalkingred: anderer Begriff für  5,- DM). Also habe ich 35 Mark verdient, ohne etwas tun zu müssen.

Ich hab beim SV Wersten 04 gespielt, mein Vater hat später das Clubhaus bewirtet, war als Libero groß und bin mit 14 von der Fortuna geholt worden.

Wie war das für dich, als Fortuna hier abgestiegen ist?

Es hat geregnet, ich hatte einen Strohhut auf. Der ist in sich zusammengebrochen. Ich hab einen Blick auf die letzten Bilder aus Dortmund und das Hoffenheimer Tor geworfen. Ich war lange Zeit ein wohlwollender Begleiter von Jürgen Klopp. Das bin ich, auch wenn das irrational ist, seitdem nicht mehr.

Ich bin dann runter und hab die weinenden Fortuna-Spieler gesehen. Es gab nur eins, was ich gedacht habe: „So viel Leidenschaft hätte ich gern eben gegen 96 gesehen. Ihr habt es verdient abzusteigen.“

„Es ist viel mehr als ein Job.“ 

Ist Hannover 96 für dich nur Arbeit, oder fieberst du auch mit?

Es ist auswärts und Zuhause unterschiedlich. Auswärts fiebere ich mehr mit. Ich habe da das Gefühl, dass die Spieler, die ich kenne, der Trainer, den ich kenne, meine Unterstützung brauchen. Das merken die nicht, das ist denen sicher auch egal, aber ich bin auswärts mehr dabei. In Heimspielen muss ich schauen, dass ich den Abstand zum Spielgeschehen wahre. Ich freue mich aber für den Torschützen, den Vorbereiter und auch den Trainer, wenn er den richtigen Mann eingewechselt hat. Ich ärgere mich auch über die Fehler. „Fieberst du mit?“ ist aber die falsche Formulierung. Ich fiebere nicht mit: Es ist Fieber. Ich bin heiß. Es ist viel mehr als ein Job.

Würdest du heute noch einmal Journalist werden?

Eindeutig ja. 

Gibt es Printjournalismus noch in 10 Jahren?

Da bin ich sicher. Es hat etwas mit dem Freizeiterlebnis zu tun. Wenn die Leute Freizeit haben und sich informieren möchten, soll es sich anders anfühlen als im Job. Dort hat man oft das iPhone oder das iPad in der Hand. Das möchte man in der Freizeit nicht. Es wird sicher ganz anders sein jetzt, aber Print wird es noch geben.

Kannst du es jungen Leuten empfehlen, heute noch Journalist zu werden?

Wenn man als junger Mensch heute Journalist werden möchte, dann muss man das tun. Das ist keine Frage, ob ich das empfehlen kann. Man muss das einfach tun.

Lieber Dirk, vielen Dank für dieses Gespräch.

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